Mutabor Märchenstiftung

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Der Tanzplatz

Land: Schweiz
Kanton: Freiburg
Region: Greyerz
Kategorie: Sage

Seit jeher waren die Burschen von Grandvillard fröhliche Sänger und schöne Tänzer.kgjäcgpqjenn die Vögel singen, um die Menschen zu erfreuen, so haben die Burschen nie gesungen, um die Vögel zu erfreuen, und die Burschen von damals wie die Burschen von heute fanden kein Vergnügen daran, mit einem Besenstiel zu tanzen. Soweit die Erinnerung zurückreicht, sangen die Burschen von Grandvillard, um ihre Angebeteten zu bezaubern, und sie tanzten gerne mit ihnen.

Auf dieser Erde führt ein Ding zum anderen, und für alles gibt es ein Gegenstück. Die jungen Männer von Grandvillard waren sich einig, dass die Mädchen dieses charmanten Dorfes wie Engel sangen, um ihre Angebeteten zu bezaubern, und wie Teufelchen mit ihnen tanzten, um sie vor der Hochzeit zu verführen.

Einst lag das Dorf Grandvillard nicht in der fruchtbaren Ebene, die es heute einnimmt. Es befand sich in den Bergen, weit oben im Tal, das zum Vanil Noir hinaufführt, ganz in der Nähe des Lac de Coudré. Es gab sogar Siedlungen und einzelne Häuser, die bis zum Chadoua verstreut waren.

Die Bevölkerung dieses Alpenstädtchens war fröhlich, ruhig, zufrieden und sie hatte ihr Auskommen. Sie kannte keine Steuern, keine Herren, keine Zwänge, keine Passierscheine, keine Ungerechtigkeiten. Glücklich und sorgenfrei liess es sich leben. Es waren gute Zeiten!

Die Woche über wurde hart gearbeitet; aber am Sonntag vergnügte man sich mit ganzem Herzen. Tanzen und die Coraules, der Schneckentanz, waren die reinste Entspannung für die Jugend. Und die hatte einen kleinen Platz angelegt, ihn geebnet und mit Mauern umgeben, die heute noch stehen. Das war der Tanzplatz, der «Plan des Danses», der Tanzplatz.

Doch das alte Grandvillard, in dem so viele Generationen glücklich gelebt hatten, während die Ebene der Plünderung und Verwüstung durch die Barbaren ausgesetzt war, wurde nach und nach verlassen, als das Tal Intyamon wieder mehr Sicherheit bot. Der alte Ort behielt jedoch eine so grosse Anziehungskraft, dass die Jugend an Sonn- und Feiertagen hierherkam, obwohl es dort keine Wohnhäuser mehr gab. Sie gingen zum Plan des Danses und tanzten ausgelassen zu den Klängen der Geigen, Pfeifen und Oboen.

Dom Prosper, der Pfarrer von Grandvillard, fand es höchst unpassend, dass seine jungen Gemeindemitglieder – und in diesem Fall gab es sogar alte Leute, die jung waren – auf diese Weise loszogen, um auf dem Plan des Danses zu tanzen. Zunächst einmal verpasste man die Vesper und dann kam es sogar manchmal vor, dass sich die Coraules-Runden kreuzten und durchkreuzten, sich aufrollten und entrollten bis in die Nacht hinein. Man beschäftigte sich viel zu sehr mit dem Tanzen, berauschte sich geradezu daran!

Als weiser und vorsichtiger Mann donnerte der gute Pfarrer vor allem gegen die unvorsichtigen und leichtsinnigen Frauen und Männer, die sich nach einem ausgiebigen Tanz in den dichten Schatten der alten Tannen zurückzogen, um sich zu erfrischen...

Dom Prosper hatte natürlich Recht, wenn er schimpfte, und er schimpfte, wie die Pfarrer von Grandvillard zu schimpfen pflegen; aber seine Pfarrkinder hörten auf ihn, wie die Savoyer auf ihre Pfarrer hören: Je mehr er schimpfte, desto mehr gingen sie zum Tanz. Die Entschuldigung lautete: «Unsere Vorfahren haben das schon so gemacht und der liebe Gott hat sie nicht ein einziges Mal bestraft».

Um sie zu bekehren, bedurfte es also einer schrecklichen Lektion. Und der gute Pfarrer betete und betete.

An einem Sonntag zog die ganze Blüte der Jugend wieder hinauf: die steilen Felsen, die den Plan des Danses und den See von Coudré überragen, warfen das Echo ihrer Gesänge zurück. Die Tänze folgten rasch aufeinander, die Coraules entrollten sich immer schneller, so dass niemand bemerkte, dass die Nacht nahte und sich dicke Wolken über dem Vanil Noir und dem Tsermon zusammenballten...

Plötzlich gab es einen Donnerschlag, der die Tänzer und Tänzerinnen umwarf und in alle Richtungen schleuderte.

Plötzlich erschien ein grosser, grün gekleideter Reiter mit rotem Barrett und weissem Federbusch. Er sass auf einem schwarzen, wiehernden Streitross, dem Funken aus Mund, Augen und Nüstern sprühten. Er war mit einem einzigen Satz vom Gipfel des Van gesprungen und tobte inmitten der verängstigten, jungen Männer. Er versuchte, sie mit den Hufen seines Pferdes zu zermalmen, und achtete nicht auf die Schreie des Entsetzens und der Not der weinenden Mädchen, die nicht aufstehen konnten, so gross war ihre Angst.

Welch ein Glück, dass sie ihre Sonntagskleidung trugen, die noch am selben Morgen mit Weihwasser besprengt worden war! So konnte der niederträchtige Reiter niemanden zertrampeln.

Zornig über seine Ohnmacht und zähneknirschend lachte er höhnisch und rief mit rauer Stimme: "Dieser Ort gehörte mir! Wegen eines Pfarrers muss ich ihn aufgeben! Jetzt bin ich gezwungen, euch zu verlassen – aber wir sehen uns wieder!»

Bei diesen Worten wurden Reiter und Ross von einem zweiten Donnerschlag bis zu den Feyguire-Felsen getragen, von wo noch immer gellendes Gelächter zu hören war, das so unheimlich klang, dass selbst die Mutigsten das Entsetzen packte.

Satan ,denn er war es selbst, verschwand schliesslich in einem grossen Blitz, der alle umliegenden Berggipfel entflammte.

Undurchdringliches Dunkel hüllte die Berge ein, der Wind tobte, der Regen fiel in Strömen, von allen Seiten blitzte es und die Blitze blendeten die Augen. Die in Panik geratenen Tänzer suchten ihr Heil in einer überstürzten Flucht.

Jeder junge Mann hatte sein Mädchen verloren. Die Männer ergriffen die Flucht, ohne sich um die verzweifelten und flehenden Rufe ihrer Tänzerinnen zu kümmern. So blieben die Mädchen sich selbst überlassen. Zuerst weinten sie bittere Tränen, dann versuchten sie, den jungen Männern so schnell zu folgen, wie es ihre kleinen, zerschundenen Füsse und die Dunkelheit der Nacht zuliessen.

Eingeschüchtert, durchnässt, kleinlaut und reumütig kehrten die jungen Männer und Frauen in ihr Dorf zurück.

Die alten Frauen freuten sich über dieses schreckliche Ereignis, denn sie hatten schon lange gemahnt, dass dieser "Sabbat" ein böses Ende nehmen würde. Sie selbst hatten wohl die schönen vergangenen Zeiten vergessen hatten, wie es halt so ist. Und wirklich: Seit diesem Tag ging die Jugend von Grandvillard nicht mehr zum Plan des Danses zurück,  was aber nicht heisst, dass sie seither für immer auf das Vergnügen des Tanzens verzichtet!

Nach: Marie-Alexandre Bovet, Légendes de la Gruyère, Lausanne, o. J. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Christine Reckhaus © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch