Mutabor Märchenstiftung

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Die Hütte des Jägers

Land: Schweiz
Kanton: Freiburg
Region: Greyerz
Kategorie: Sage

Vor langer Zeit war das wunderschöne Tal von Intyamon, in dem alle glücklich und zufrieden zu sein schienen, ein Paradies für Wilderer. Jeder Junge, der hier zur Welt kam, wurde als Jäger geboren, so dass der alte Dorfpfarrer von Albeuve über seine neugeborenen Pfarrkinder sagte: «Wenn man ihnen gleich nach der Geburt einen Rosenkranz in die Hand gibt, können sie wahrscheinlich nichts damit anfangen; wenn man aber den Finger auf den Abzug eines Gewehrs legt, wird der Schuss nicht lange auf sich warten lassen». Und er fügte jeweils schelmisch hinzu: «Das hindert sie übrigens nicht daran, Richter, Präfekten und sogar Fahnenträger zu werden».

Die Grafen von Savoyen, einst Herren der Region, waren zu weit weg, um die Gämsen zu schützen, und so ließen sie ihre liebenswerten Untertanen nach Herzenslust jagen.

Als jedoch die gefürchteten Herren von Freiburg die Herrschaft über das Greyerzerland übernahmen, wollten sie in ihrem ungeheuren Appetit alles Gross- und Kleinwild für sich reservieren und setzten zu diesem Zweck einen zusätzlichen Vogt ein, einen Jagdaufseher. Es versteht sich von selbst, dass sie für diese Aufgabe einen Mann auswählten, der sich in dem Metier auskannte, nämlich den schlimmsten Wilderer der Gegend. Dieser Vogt war zwar der übelste aller Wilderer, aber nicht allzu geschickt.

Der furchtloseste Wilderer in der Gegend war Tachon, ein harter, finsterer und schweigsamer Mann, der allein mit seiner Frau und seinen Hunden in einer verrufenen Hütte am Fuße des eines Hügels in einiger Entfernung vom Dorf lebte. Er war flink und stark wie Herkules. Von Montag bis Samstag durchstreifte er ohne Rast und Ruhe Berg und Tal, Wälder und Wiesen, Sümpfe und Moore, Felsen und Schluchten, ganz zu schweigen von den Nächten, die er im Freien verbrachte, um einem Iltis, einem Marder oder einem Siebenschläfer aufzulauern. Er allein erlegte mehr Wild als zehn Freiburger Herren zusammen.

Und was tat der Jagdaufseher? Von Natur aus nicht sehr mutig, fürchtete der arme Mann, dass Tachon ihn für einen Wolf halten könnte, und da er wusste, dass seine Kugeln aus der Ferne ebenso sicher trafen wie aus der Nähe, hielt er respektvollen Abstand.

Leider reichten dem furchtlosen Tachon die sechs Tage der Woche nicht aus, um dem Wild nachzustellen. Oft stieg er am Sonntag, ohne die Messe gehört zu haben, mit seinen Hunden auf die Gipfel und verbrachte den Tag des Herrn auf der Jagd, immer in Begleitung eines zweiten Wilderers, der nicht mehr wert war als er selbst. Damit erregte er großes Aufsehen unter den frommen Gläubigen des alten Dorfes.

Der arme Pfarrer, der diese Seele ins Verderben laufen sah, ging zu Tachon, ermahnte ihn, bat ihn, flehte ihn an und drohte ihm gar mit dem göttlichen Zorn; aber die rohe Natur des bösen Mannes blieb religiösen Dingen gegenüber abgeneigt. Wenn er auch ein- oder zweimal zum Gottesdienst kam, um den guten Pfarrer zufrieden zu stellen, so lockte ihn doch der Herr Satan am dritten Sonntag wieder über die Berge, auf die Koppeln und in die großen Wälder.

Die Jagd! Die Jagd! An Werktagen, Sonntagen und Feiertagen gab es für ihn nur die Jagd! Oft briet er ohne Rücksicht auf Fastentage oder einen Freitag, ja sogar an den Quatembertagen, allein unter einem großen Baum ein Stück Wild und verschlang es gierig, während die Leute von Albeuve im Dorf streng fasteten. Kurz, er hielt sich nur dann an die Gesetze Gottes und der Menschen, wenn es ihm in den Kram passte; er war ein schlechter Mensch, des Teufels, wie einige hellsichtige, aber vorschnell urteilende Frauenzungen meinten.

Am Vorabend von Allerheiligen, etwa im Jahre des Herrn 1670, entdeckte der unerschrockene Wildschlächter in der Nähe des Baches von Momont den schönsten Marder, den er je in seinem Leben gesehen hatte. Lang, groß, wohlgenährt, geschmeidig, elegant und wendig, hatte er ihn angelockt und weit laufen lassen, nach rechts, nach links, den Berg hinauf und hinunter, ohne sich dem Jäger zu nähern, aber er ließ sich ständig sehen. Aber er hatte nicht mit der Hartnäckigkeit des Jägers gerechnet.

Am Tag des Festes war es ihm genehm, den Gottesdienst zu besuchen, aber während der Messe, der Predigt und der Vesper dachte unser Held nur an den schönen Marder und daran, wie man ihn aufspüren, überraschen und erlegen könnte, und vergaß ganz und gar, für seine Verstorbenen und für sich selbst zu beten, obwohl er doch ein Jäger war.

Das war schon schlimm genug, aber noch schlimmer war, dass er nach der Vesper nicht einen Augenblick die Gräber seiner Vorfahren besuchte. Während alle auf dem Friedhof von Albeuve andächtig für die Toten beteten und weinten, schlich er sich davon, um seinen Marder zu jagen.

Lange war er an den steilen Ufern des Momontbaches und der Saane bis zur Brücke von Hongrin umhergeirrt, vergeblich, er würde ohne Beute heimkehren. Plötzlich sah er in der Abenddämmerung das schlaue Tier an sich vorbeihuschen.

"Ah! Diesmal habe ich dich", rief er.

Aber der Marder sprang weiter von Ast zu Ast und von Baum zu Baum entlang des Baches in Richtung der Berge. Er kletterte sehr hoch, machte einen sehr großen Bogen, kam wieder tief in die Ebene hinunter, kam in die Nähe von Albeuve, kehrte auf der Seite von Les Sciernes zurück und kletterte schließlich wieder in die Höhe. Das Tier hielt immer die gleiche Entfernung ein, und Tachon, der bereit war, die beiden Schüsse aus seiner Waffe abzugeben, musste ständig seine Schritte beschleunigen, um es nicht aus den Augen zu verlieren.

Bald hatte er jedes Zeitgefühl verloren und wusste nicht mehr, wo er war. Er lief, schwitzte und schnaufte, rannte über Wiesen, durch Gebüsch und Unterholz, kletterte über Felsen, stieg in Schluchten hinab, überquerte Bäche, doch das böse Tier spielte weiter sein Spiel mit ihm, trieb ihn immer weiter und höher. Plötzlich kam er wieder zu sich, wie aus einer Halluzination. Er befand sich mitten auf einer Wiese, die von einem dunklen Wald umgeben war. Die Nacht war stockfinster und es wehte ein eisiger Wind.

«Wie bin ich mitten in der Nacht hierhergekommen?", fragte er sich. «Bin ich noch bei Verstand? Oder ist das alles nur ein böser Traum?»

Nein, das Tier, das wie ein Komet leuchtete, hatte ihn getrieben, fasziniert und hypnotisiert. Nachdem es ihn einen Teil der Nacht hatte rennen lassen, hatte es ihn schließlich dorthin geführt, in die Mitte dieser großen Lichtung, weit weg von jeder Behausung.

Unweit von ihm war es auf einem Felsblock stehen geblieben und hatte ihn mit glühenden Augen angestarrt. Wütend griff er nach seinem Gewehr, um zu schießen, aber seine Arme wurden plötzlich steif und verweigerten ihm den Dienst. Das verfluchte Wiesel stieß einen spitzen, langgezogenen Schrei aus. Es flüchtete nicht weiter, sondern kam auf den Hinterbeinen aufrecht gehend auf den Jäger zu. Er wollte fliehen. Seine Beine blieben wie an den Boden genagelt!

Je näher es kam, desto grösser wurde es. Bald stand vor ihm eine schreckliche Hexe, die über acht Fuß gross war und von außerordentlicher Leibesfülle. Sie hatte einen riesigen Kopf und riesige Augen, rot wie glühende Kohlen. Ihre Ohren waren spitz und behaart wie die eines Wolfes, und ihre Nase war gebogen wie der Schnabel eines Sperbers. Auf ihrem Kopf standen spärliche Haare wie Stacheln. Ihr Maul glich dem eines Tigers mit seinen langen, scharfen und gebogenen Zähnen, und ihr Kinn zuckte ständig unruhig wie das einer wütenden Megäre. Bald steht die Hexe direkt vor ihm. Er fühlte, wie sich eine Hand, schwer wie eine Bärenkralle, auf seine Schulter legte. Er spürte ihren heißen, stinkenden Atem auf seinem Gesicht, und dann sah er wie im Traum, wie sie ihr grässliches Maul aufriss, seinen Kopf packte. Er fühlte, wie scharfe Zähne seinen Filzhut durchbohrten. Entsetzt liess er sich auf den kalten Boden fallen. Das ist das Ende, der Tod!, dachte er, noch, dann stiess die schreckliche Hexe ein furchtbares Brüllen aus, gefolgt von einem langen Stöhnen, und sie verschwand in einer Feuerspur im dunklen Wald. Dann wurde es still.

Die Nacht war noch dunkel, als die Glocken des Tales mit ihren klagenden Stimmen die Gläubigen in den Weilern zum Gebet für die Toten riefen. Es war der Gedenktag für die Verstorbenen am Tag nach Allerheiligen. Überall wurde der Verstorbenen gedacht und für sie gebetet, überall waren die Fenster erleuchtet. Nur die Hütte des bösen Jägers schien verlassen. Niemand kam an diesem Tag zum Grab seiner alten Eltern.

Das erschien selbst den Nachbarn seltsam. Sie wollten nachsehen. Die Hütte war verschlossen, kein Laut war zu hören. Sie brachen die Tür auf und fanden neben dem Bett reglos die Frau des Wilderers. Ihre gefalteten Hände umklammerten ein Heiligenbild. Das Entsetzen stand ihr noch im Tod ins Gesicht geschrieben. Zwei Hunde, Gefährten des Jägers und treue Wächter des Hauses, lagen leblos daneben. Tachon, der Ehemann, war unauffindbar.

Was war geschehen? Bedeutete seine Abwesenheit nicht, dass er in einem Anfall von Jähzorn seine Frau und seine Hunde getötet hatte und geflohen war?

Unzählige Vermutungen wurden angestellt und vor der Hütte diskutiert, als der alte Jean, ein guter Mann, der sein Vieh in der alten Hütte von Cerniaula hütete, zu ihnen kam, ganz außer Atem und außer sich.

Er rief mit klagender Stimme: «Kommt und seht! Schreckliche Dinge sind heute Nacht geschehen. Ich zittere noch immer vor Angst. Ich habe es nicht gewagt, den Stall vor Tagesanbruch zu verlassen! Tachon, der schreckliche Tachon, ist ein böser Zauberer, der sich dem Teufel verschrieben hat. Er verbreitet Angst und Schrecken unter den gläubigen Christen! Gestern Abend, als ich allein vor meinem Stall stand und den Rosenkranz für die Toten betete, sah ich ihn, mit dem Gewehr im Anschlag, zum Hexensabbat gehen. Er ging ganz dicht an mir vorbei, ohne ein Wort zu sagen. Er folgte einem kleinen, sehr hellen Feuer, das sich sehr schnell bewegte, das war der Teufel, der ihn zu seiner höllischen Versammlung führte. Aus Angst, mit ihnen mitgerissen oder vom Teufel oder von ihm selbst getötet zu werden, lief ich sofort in den Stall und verriegelte ihn sorgfältig und obwohl ich zitterte, hielt ich die Tür mit aller Kraft zu. Mindestens viermal umkreisten sie das Haus von oben, unten, rechts und links. Ich bin sicher, sie suchten nach einer offenen Tür oder einem Fenster, durch das sie ins Haus gelangen konnten! Sie suchten mich; deshalb habe ich die ganze Nacht die Tür bewacht, ohne ein Auge zuzumachen, das könnt ihr mir glauben! Nach einiger Zeit hörte ich plötzlich oben auf den Weiden neben der Hütte ein Geschrei, das die Berge erzittern ließ, und ein Stöhnen, das mir den Atem raubte. Im selben Augenblick rannte etwas wie ein Blitz den Bach entlang und heulte fürchterlich. Da oben sind heute Nacht schreckliche Dinge geschehen!»

«Und hier unten auch!»

Das war die einzige Antwort, die er auf seine düstere Erzählung erhielt.

Es hatte schon lange Mittag geschlagen, und Tachon war noch nicht nach Hause gekommen. Entweder war er tatsächlich ein Verbrecher und hatte sich aus dem Staub gemacht, oder ihm war in den Bergen ein Unglück zugestoßen, weil er sich in die Angelegenheiten des Teufels einmischen wollte, der Macht über ihn hatte und alles, was ihm gehörte.

Das unerklärliche Rätsel quälte die guten Leute von Albeuve. Obwohl Tachon bekanntermassen ein schlechter Christ war, machten sich drei, fünf, zehn unerschrockene Bergkundige auf den Weg zur Cerniaula und folgten der Richtung, die der alte Jean ihnen wies.

Sie durchsuchten die Felsen, Untiefen und Schluchten des Momont-Baches, durchsuchten jeden Wald, jedes Gehölz und jeden Busch und überquerten eine Brücke, stiegen steile, steinige und bewaldete Hänge hinauf und erreichten schließlich gegen Abend die Weide der sogenannten Grande Gîte, der Grossen Hütte.

Einer von ihnen glaubte, neben dem Weg unterhalb der Hütte eine schwarze Masse zu sehen. Er rief, er ging näher heran, und erkannte den unglücklichen Tachon, der auf dem eisigen Boden lag. Neben ihm sein völlig durchlöcherter Hut. Ein Teil der Stechpalmenblätter, die ihn schmückten und am Palmsonntag gesegnet wurden, waren abgerissen, der andere Teil der Blätter lag auf dem Boden von Blut gerötet. Sogar auf dem welken Gras waren einige Tropfen zu sehen. Man untersucht den Kopf des Unglücklichen: keine Verletzung; seine Kleidung wies keine Blutspuren auf. War er tot? Er war so steif wie eine Leiche. Was war mit ihm geschehen? Die armen Leute sahen sich bestürzt an.

Nein, er war nicht tot; sein Herz schlug noch, wenn auch schwach.

Eilends brachten sie ihn in die Hütte, wo sofort ein großes Feuer entfacht wurde.

Durch die Wärme kam er langsam wieder zu sich und konnte sogar kurz von dem schrecklichen Drama erzählen, dessen trauriges Opfer er war; seine Beine und Arme blieben jedoch gelähmt.

Tachon war das Opfer des Satans, aber als dieser ihn zu Tode beißen wollte, hatte der Herr Teufel in die geweihte Stechpalme seines Hutes gebissen! So sehr schmerzte ihn der Segen, dass er voller Pein sein Opfer losliess und unter Wutgebrüll flüchtete.

Ein bleierner Schlaf, unterbrochen von Halluzinationen und schrecklichen Wahnvorstellungen, legte sich auf Tachons Augenlider, und seinen Retter wurde klar, dass der Arme Albeuve nie wieder sehen würde.

Einer von ihnen eilte nach Les Sciernes, um einen Priester um Hilfe zu bitten. Doch der Mann, der nie einen Feiertag oder einen Sonntag geachtet hatte, starb lange vor dem Eintreffen des Kaplans, ohne Gott um Vergebung und Barmherzigkeit bitten zu können.

Der Spätherbst verging.

Tachon wurde, neben seiner Frau in geweihter Erde beerdigt; aber am nächsten Morgen war sein Sarg leer und sein abscheulicher, kohlschwarzer Leichnam lag hinter einer Hecke.

Bei Anbruch der Nacht wollte man ihn holen und auf einem benachbarten Feld begraben, denn die geweihte Erde hatte ihn nicht gewollt.Aber er war nicht mehr da!

Wochenlang trauten sich Kinder und Frauen abends nicht aus dem Haus, aus Angst, ihm zu begegnen, und viele Männer taten es ihnen vorsichtshalber gleich.

Der Schnee bedeckte Berge, Ebenen und Täler wie ein weisses Tuch und der klirrende Frost überzog die Saane mit Eiskristallen.

In den freien Stunden sprach man noch von ihm, aber ohne ihn beim Namen zu nennen, denn man fürchtete, ihn damit herbeizuzulocken.

Die Monate vergingen: Die Erinnerung an seinen tragischen Tod und das Verschwinden seiner Leiche verblassten allmählich, so wie alles hier auf der Erde verblasst... Bald würde der Frühling wieder grünen... Die Fastenzeit kündigte sich an, die Quatembertage des Frühlings kamen, und oben in Les Prés, in der Nähe der Grande Gîte, hüteten die kräftigen Männer von Albeuve ihr Vieh verteilt auf zwanzig Hütten, die nicht weit voneinander entfernt stehen. Auch einige Frauen mit ihren Töchtern und Brautpaare hielten sich hier auf.

Es war Nacht, eine dunkle Freitagnacht. Es schlug zehn Uhr und auf einmal jagte eine Meute brennender Hunde, angeführt von einem rotglühenden Jäger durch die Wälder, über die Weiden, über die Wiesen, an den Hecken entlang, um jede Scheune herum.

Zitternd, stumm, erschüttert und außer sich vor Entsetzen, erkannten ihn die Bewohner Er ist es. Es ist seine Stimme, Tachon, der Sonntagsschänder, der ohne Reue und ohne Sakramente gestorben ist. Er brennt im Jenseits und er kommt, um auf Erden zu brennen. Dort, wo die Sünde begangen wurde, wird die Sühne vollzogen.

Die Leute von Albeuve hatten ihn am Sonntag jagen lassen; es war nur recht und billig, dass sie zitternd der Bestrafung beiwohnten.

Und die Meute heulte und heulet und raste los. Und die schrille, unheimliche Stimme ihres Anführers schrie immer wieder unheilvoll: «Hela! Poutah! ... Miraud! Tayaut! ... Poutah!» - entsetzliche Schreie, deren Echo aus den Tiefen des Waldes zurückhallte.

Keine Feder wird je die Qualen beschreiben können, die die armen Menschen in dieser schrecklichen Freitagnacht in der Quatemberwoche erleiden mussten! Erst am Morgen verliessen Tachon und seine Meute den Ort, um auf der Weide der Grossen Hütte zu rennen und zu heulen.

Da sie gar nicht wissen wollten, was die kommende Nacht bringen würde, brachen alle bei Anbruch der Dämmerung eilig auf. Die Ebene lag noch im Nebel, als Männer, Frauen, Jungen, Mädchen, Kälber, Maultiere, Kühe, Ziegen und Schafe in einem unbeschreiblichen Durcheinander Richtung Albeuve stürmten.

Am Abend kehrte der Jäger mit seiner Meute jedoch nicht zurück. Aber in der Quatemberzeit im Sommer, als die Herde an der Grande Gîte weilte, war die Nacht zum Freitag so entsetzlich, dass Zicklein, Kälber und anderes Kleinvieh vor Angst starben. Die Kühe verloren ihre Milch, hatten Fehlgeburten, wurden von der Maul- und Klauenseuche befallen... Und die sonst so starken Kiefer der Sennen wurden von einem solchen Zittern erfasst, dass die Unglücklichen drei Tage lang ihre Pfeifen nicht zwischen den Zähnen halten konnten.

Zum Glück waren sie in der Quatemberzeit im Herbst nicht mehr auf der Weide, denn von weitem sah es so aus, als würde sie von einem grossen Feuer verzehrt und finstere Rufe «Héla!... Poutha!» waren in der Entfernung zu hören.

Der furchtbare Jäger und seine Hunde konnten sich jedoch nicht mehr bis nach Les Prés verirren: die Almosen der Bewohner von Albeuve, der Segen und die Gebete der Kapuzinermönche hielten sie fern. Doch die die Weide, auf der Tachon gestorben war, blieb in ihrer Gewalt. Nichts konnte sie von dort vertreiben.

Mehr als dreihundert Jahre lang an jedem Quatembertag und oft in dunklen Nächten, kam der Wilderer Tachon mit Dämonen, die ihm als Meute dienten, zurück, um auf der Weide der Grande Gîte zu rennen, zu heulen, zu jammern und zu jagen, sodass diese heute nur noch Gîte de Chasseur, die Hütte des Jägers, genannt wird.

Obwohl man die schrecklichen Strafen für Wilderei wieder und wieder vor Augen geführt bekommt, gibt es in Albeuve immer noch Wilderer; aber wie der gute Dorfpfarrer einst sagte, hindert sie das nicht daran, Richter, Präfekten und sogar Fahnenträger zu werden.

Es ist wahr, dass Tachon und seine Hunde heute viel weniger lärmen als früher, jetzt, wo sie älter geworden sind. Manchmal heisst es sogar, dass sie seit einigen Jahren erlöst worden sind.

Nach: Marie-Alexandre Bovet, Légendes de la Gruyère, Lausanne, o. J. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Christine Reckhaus © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch