Die Irrlichter
Irrlichter sind die blassen Seelen frivoler und leichtsinniger junger Mädchen, wie etwa einer Fanchon, die ihrem Liebhaber zu leichtfertig das Fenster öffnete, einer Jeannette, die erst nach dem Angelusgebet nach Hause kam, einer Mariette, die es sich erlaubte, die Abende ausser Haus zu verbringen, einem Lisli, das keinen Jahrmarkt und keinen Markt versäumte, einer Lily, die eine schöne Tänzerin war, einer Gothon, die zu viel lachte, einer Tarthée, die zu viel schwatzte, einer Babette, die mannstoll war, und so viele anderer junger Mädchen, denen es nicht gelang, tugendhaft zu bleiben.
Tagsüber und auch in hellen Nächten sind diese Seelen im Morast gefangen. Nur wenn tiefe Finsternis die Sümpfe und Moore bedeckt, können sie ihre düstere Behausung verlassen.
Dann flattern diese armen, einsamen Wesen zu Hunderten und Tausenden wie Sternschnuppen hierhin und dorthin, melancholisch, stumm und resigniert. Sie stöhnen nicht, sie klagen nicht, sie seufzen nicht; sie gehen, sie kommen, sie kehren zurück, und immer versuchen sie, zum Himmel aufzusteigen, denn sie wissen, dass dort oben die ewige Seligkeit auf sie wartet. Manchmal sieht man eine kleine Flamme aufsteigen. Immer höher und höher – und dann entschwindet sie: Es ist ein Irrlicht, das zu Gott geflogen ist.
Doch leider müssen die armen Irrlichter meist, nachdem sie eine ganze Nacht lang durch die morastigen Sümpfe geirrt sind, bei Tagesanbruch wieder in das grünliche, faulige Wasser eintauchen.
Irrlichter sind weder böse noch gefährlich. Es sind arme, kleine Seelen, die nur auf ihre Erlösung warten. Das heißt aber nicht, dass sie sich beim Verlassen ihres Körpers nichts von ihrer weiblichen List und Gerissenheit bewahrt hätten - das Gegenteil wäre ja auch schwer zu glauben!
Eine wahre Begebenheit beweist das. Sie ereignete sich in den Sümpfen des Praz Melley, «den verfluchten Wiesen», wie man sie in früheren Zeiten nannte, die sich vom Albeuve, in der Nähe von Greyerz, bis zum Wald von Sautaux erstrecken:
Vor fünf- oder sechshundert Jahren, als Greyerz bereits das hübsche, zinnenbewehrte Städtchen war, das sich kühn auf seinem grünen Hügel erhob, überragt vom Bergfried seiner Grafen, da war Bulle nur ein kleiner Marktflecken, der dem Bischof oder den Savoyern unterstand, eine Ansammlung armseliger Hütten, inmitten eines feuchten Lochs. Von Greyerz aus führte ein Weg durch das Nordtor - den Belluard gab es damals noch nicht - steil die Condémine hinunter in Richtung Les Verneys, überquerte den Albeuve auf einer Holzbrücke, durchquerte mehr schlecht als recht die Sümpfe von Praz Melley, teils auf schlecht verlegten Steinen, meist aber durch Schlamm und Matsch, um schließlich durch den Wald von Sautaux und La Tour-de-Trême, wo der Graf von Greyerz einen Bergfried besaß, nach Bulle zu gelangen.
Natürlich war der Weg durch die Praz Melley nicht der bequemste, aber man folgte ihm gerne, denn inmitten dieser morastigen Gegend gab es ein Gasthaus, die Auberge de Villar Jordon, in der man einen kleinen, feinen, ungepanschten Wein trank.
Damals baumelte ein Wirt im Greyerzerland, der seinen Wein mit Wasser verdünnte, sehr schnell an einem Strick. Eines Abends kehrten Talon, Gouyon, Dondon und Tzambérot, allesamt Bürger von Greyerz, aus Bulle zurück, wo der Fürstbischof Wein verkaufen liess, der sein Geld nicht wert war. Sie kehrten in Villar Jordon ein, um eine Quartetta echten Rebensaft zu trinken. Und das war er wirklich! Der Beweis dafür war, dass sie nach dem Genuss von fünf Quartetta, also je einem Drittel Liter, der viermal wiederholt wurde, aus dem Gasthaus kamen und wie die Nachtigallen sangen.
Da es stockdunkel war, sahen sie Irrlichter, die um sie herumtanzten. Sie riefen ihnen zu, doch die Irrlichter antworteten nicht. Sie verhöhnten sie, doch die Irrlichter blieben stumm. Sie forderten sie heraus, aber die Irrlichter gingen nicht darauf ein. Da beschlossen sie sie zu verfolgen. Die Irrlichter flohen – die einen hierhin, die anderen dorthin, rechts, links, übereinander, vorwärts, rückwärts, in alle Richtungen. Die angeheiterten Männer verfolgten sie nach Le Pâquier, nach Les Bévaret, nach Les Saulgys, zum Albeuve, wohin auch immer.
Es dauerte nicht lange, da steckte Talon bis zum Hals in einem Sumpfloch fest und zweihundert kleine Augen begannen um ihn herum eine fröhliche Sarabande zu tanzen. Von Entsetzen gepackt, mühte er sich ab, um sich aus seiner traurigen Lage zu befreien und den schwindelerregenden Tänzen der kleinen feurigen Falter zu entkommen. Seine Kleider waren zerrissen, seine Hände bluteten und als der Morgen dämmerte, lag er halb nackt in seinem Sumpfloch, nur mit einem Rest seines Hemdes und einem Fetzen seiner Hose bekleidet.
Auch Gouyon wurde von den flinken Seelen verfolgt und versuchte, wieder auf den Weg zu gelangen.
Er lief einen großen Teil der Nacht durch den ausgedehnten Sumpf und fiel schließlich in einen großen Teich, in dessen Mitte eine Weide stand. Es gelang ihm, aus dem Wasser zu klettern und sich auf einen Ast zu hieven. Dort musste er wie ein Rabe bis zum Morgengrauen ausharren.
Dondon hingegen war nicht weit gekommen. Nach einigen Verfolgungsversuchen verlor er das Gleichgewicht und ging mit den Fröschen baden, solange die Nacht dauerte.
Tzambérot war der hartnäckigste und furchtloseste. Er war Jäger und Gejagter zugleich und durchstreifte die gesamte Umgebung von Villar Jordon und Prâ Melê. Ein Beweis dafür ist, dass man später seinen Stock in der Nähe von Ferpiclo, seinen Hut in Les Abrévia, einen seiner Schuhe im Teich von Les Saugys und einen anderen in der Nähe von Le Bévaret genannt wurde, fand. So weit war er herumgekommen – immer inmitten eines Schwarms kleiner Flämmchen, die ihm schreckliche Angst einflössten und ihn derart blendeten, dass er nicht mehr klar sehen konnte.
Bei Tagesanbruch waren die verzweifelten Rufe und Schreie der vier unglücklichen Nachtschwärmer in Greyerz, Epagny, Les Saugys und Ferpiclo zu hören. Aus allen Richtungen eilte man zu den Sümpfen von Villar, um die Gestrandeten in das abgelegene Gasthaus zu bringen oder zu tragen.
Dort gestanden sie einmütig und sehr zerknirscht, dass sie die Irrlichter beleidigt, provoziert und verfolgt hätten. Sie erzählten auch alle von den Drehungen, Wendungen, Umwegen, Stolpern, Stürzen, Purzelbäumen, Tauchgängen, Bädern und Versenkungen im Morast, die sie hatten machen und erdulden müssen, und von den anderen bösen Streichen, die ihnen die schelmischen Wassergeister im Laufe der Nacht gespielt hatten.
Aber das Mitleid der Leute hielt sich in Grenzen. Wer weiss, vielleicht musste man das Abenteuer doch dem Genuss des guten Weins zuschreiben.
Nach: Marie-Alexandre Bovet, Légendes de la Gruyère, Lausanne, o. J. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Christine Reckhaus © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch