Mutabor Märchenstiftung

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Pra Diabla

Land: Schweiz
Kanton: Freiburg
Region: Greyerz
Kategorie: Sage

Zwischen Mézières und Vuisternens, von den Anhöhen, die das schöne Glâne-Tal überragen, reicht der Blick weit über die Ebene, den Jura, die Greyerzer Alpen und die Berge Savoyens. Dort, am Rande der Straße, nahe der Abzweigung des Weges, der nach Villariaz führt, steht der imposante Bauernhof Pra Diabla. Wie er zu seinem Namen kam, erzählt folgende Geschichte. Sie beginnt in einer Zeit, als die Orte lange noch nicht so reizvoll wie heute. Romont war nur eine kleine Stadt, umgeben von Nussbäumen, und Mézières ein Weiler, der sich an den Rand eines großen Waldes schmiegte, der sich bis nach Vuisternens erstreckte. Ein gewundener, zerklüfteter und steiniger Karrweg voller Schlaglöcher führte durch diesen Wald von Romont über Mézières nach Vuisternens.

Es war an einem Abend im Herbst, als eine scharfe Bise eisige Kälte brachte, dass eine Familie am Fuss einer riesigen Eiche inmitten dieses Waldes Halt machte. Die Familie bestand aus dem Vater, der noch jungen Mutter und deren acht kleinen Kindern. Ihr gesamtes Hab und Gut - ein Hahn, drei Hühner und ein paar alte Kleidungsstücke - war auf einen alten zweirädrigen Karren geladen, den die armen Leute hinter sich herzogen. Einst waren sie die wohlhabendsten Menschen im Dorf gewesen, aber das Unglück hatte an ihre Tür geklopft, das Elend hatte sich an ihren Tisch gesetzt und die Gier eines gemeinen Wucherers hatte sie für immer aus ihrem Zuhause vertrieben. Ohne Geld, ohne Obdach und ohne zu wissen, wohin sie gehen sollten, waren sie in den Wald auf ein wertloses Stück Land geflüchtet, das einzige, das ihnen noch gehörte, und das der Gier des Wucherers entgangen war, der sie ruiniert hatte.

Unter dem grossen Baum angekommen, begannen der Vater, Jean mit Namen, die Mutter, sie hiess Nannette, und die Kinder sogleich trockene Blätter zu sammeln und aufzuhäufen. Zwei Schritte daneben machten sie mit trockenem Holz ein grosses Feuer und die Mutter rührte etwas Mehl in Wasser an und kochte ein karges Essen in einem alten Topf. Das war das Abendessen der Familie.

Bei Einbruch der Nacht krochen die Kinder in den Laubhaufen, kuschelten sich aneinander und schliefen bald. Die Mutter setzte sich an das Feuer. Nachdenklich sah sie in die verlöschende Glut. Sie hatte keine Tränen mehr und keine Seufzer.

Am Vater frassen Kummer und Sorgen, selbst im Schlaf vermochte er kein Vergessen zu finden. So stand er auf und streifte ziellos durch den tiefen Wald. Mal richtete er seine Augen flehend zum Himmel, mal barg er sie in seinen Händen und weinte lautlos vor sich hin.

Plötzlich versperrte ihm ein stattlicher Herr mit schwarzen Augen und stolzem Gang den Weg. Er war mit einem grünen Gewand und gelben Hosen bekleidet und trug auf dem Kopf einen schwarzen Hut mit einer großen weißen Feder. In seiner linken Hand hielt er ein Jagdmesser und mit der rechten klopfte er freundlich und wohlwollend auf die Schulter des armen Jean.

Der gutaussehende Fremde sagte mit einer Stimme, so sanft wie die eines jungen Mädchens, das seinem Liebsten gefallen möchte: «Freund Jean, warum gehst du nachts so einsam spazieren? Du siehst recht traurig aus.»

Um sie herum war es hell wie am lichten Tag, aber Jean bemerkte es nicht und antwortete: «Guter Herr, ich habe nicht die Ehre, Euch zu kennen, und ich sehe, dass Ihr nicht wirklich wisst, wer ich bin! Wie kann man nicht traurig sein, beraubt und völlig mittellos mit Frau und acht Kindern mitten in einem Wald bei Einbruch des Winters?»

«Jean, ich bin der große Baumeister des Grafen von Romont. Ich war sehr lange abwesend, deshalb kennst du mich nicht. Ich habe deinen Vater gekannt - er war ein reicher Mann und mein Freund. Ich habe von deinem Unglück gehört und will dir helfen. Ich schlage dir einen Handel vor:

Innerhalb von zwei Tagen kann ich eine ganze Stadt mit hundert Giebelhäusern, Stadtmauern, Türmen und einem Schloss aus dem Boden wachsen lassen. In einer einzigen Nacht baue ich eine Abtei, die drei Mal so gross ist wie die von Fille-Dieu. Um ein prächtiges Haus zu bauen, brauche ich nur wenige Stunden. Und als Lohn begnüge ich mich mit einem Zeichen der Anerkennung. Wenn du willst, wird auf deinem Stück Land morgen früh ein prächtiges Haus inmitten eines herrlichen Obstgartens stehen, direkt am Rand der Strasse.»

Jean, zugleich fasziniert und glücklich, antwortete zitternd: «Großer Herr, ja, das will ich; aber was verlangt Ihr als Bezahlung?»

«Ich verlange wenig, ich bin so reich! Wie ich dir schon sagte: Ein Zeichen deiner Dankbarkeit. Wenn ich morgen früh, bevor der Hahn kräht, dein Haus fertiggestellt und deinen Obstgarten gepflanzt habe, sollst du mir entweder den ersten Stamm geben, der aus deinem Laubhaufen kommt, oder den ersten Ast, der ihm folgt, oder das erste Bündel Reisig, das du zusammenbindest. Wenn die Arbeiten nicht vor dem Hahnenschrei abgeschlossen sind, schuldest du mir nichts».

Der Handel wurde geschlossen und mit einem Handschlag sofort besiegelt. Und obwohl Jeans Handgelenk und seine Finger glühten, weil der große Bauherr sie so fest gedrückt hatte, ging der rechtschaffene Mann fröhlich singend zur alten Eiche zurück.

Seine Frau eilte ihm entgegen, zitternd vor Angst, dass der Kummer seinen Verstand verwirrt haben könnte; aber Jean war trunken vor Freude und erzählte ihr von dem glücklichen Handel, den er gerade abgeschlossen hatte.

Doch anstatt Freude zu teilen, stand seine Nannette stumm und starr wie eine Marmorstatue vor ihm. Dann blickte sie ihn mit kalten Augen an und sagte mit einer Stimme, die vor Empörung und Zorn fremd klang: «Als du dich ruiniert hast, habe ich dir keine Vorwürfe gemacht. Als du mich ruiniert hast, habe ich mich nicht über dich geärgert. Du hast uns ins tiefste Elend gestürzt, ich habe mich nicht beklagt; aber mit einem Mann zusammenzuleben, der sich selbst, seine Frau und seine Kinder dem Teufel verschreibt – das ist zuviel!»

Er sah sie verblüfft und völlig verständnislos an und sagte immer wieder: «Was? Wie?»

Nannette rief: «Das hätte selbst der grösste Dummkopf verstanden! Der große Bauherr, den du getroffen hast, ist der Böse selbst! Und du hast ihn nicht einmal an seinen grünen Gewändern erkannt! Hast du dir seine Füße angesehen? Der erste Baumstamm, der morgen aus unserem armseligen Blätterhaufen hervorkommen wird, der bist du. Der erste Zweig, der ihm folgt, das bin ich. Das erste Reisigbündel, das du bindest, ist das erste Kind, das du ankleidest.»

Sie hatte kaum ausgeredet, da lief der unglückliche Jean zum Laubhaufen und rief verzweifelt: «Der Teufel, der Teufel! Ich habe Nannette dem Teufel verschrieben!»

Seine Frau aber, geschickt und listig wie sie war, stammte aus Mézière – und man sagt, dass Geschicklichkeit und Klugheit Merkmale des schwachen, aber liebenswerten Geschlechts dieses Dorfs sind - rief ihren Mann zur Vernunft: «Noch hat der Teufel mich nicht», sagte sie, «und dich auch nicht! Du und deine Geschäfte! Wenn dir nichts Besseres einfällt, dann versteck dich im Laubhaufen und lass mich dieses eine Mal endlich machen!»

Gehorsam versteckte sich Jean im Blätterhaufen.

Kaum verkündete die große Glocke der Kirche von Romont (die damals noch nicht im Turm von St-Nicolas in Freiburg ihre ewige Klage verströmte: Räuber! Räuber! Räuber!, nachdem die Freiburger sie den Leuten aus Romont in den Burgunderkriegen weggenommen hatten) die Mitternacht, als eine Wolke kleiner Teufel wie ein Krähenschwarm über die alte Eiche herfiel. Sie brachten Schaufeln, Hacken, Sägen, Äxte, Hobel, Wasserwaagen, Schnüre - alle Werkzeuge, die Maurer und Zimmerleute brauchen.

Ein Baum nach dem anderen fiel krachend um, die Stämme wurden bearbeitet, die gefrorene Erde aufgebrochen, aufgehäuft, abgetragen, umgeschichtet und umgegraben, als wäre sie nichts weiter als frischer Schnee. Tausend kleine, schwarze, dickliche Arbeiter mit Klumpfüßen gingen, kamen und liefen hin und her, ohne jemals zusammenzustoßen oder sich gegenseitig zu behindern. Nachdem die Bäume gefällt waren, wurden sie von fünfzig Zimmerleuten zurechtgestutzt, gesägt, zu Brettern verarbeitet und sorgfältig gehobelt. Innerhalb von Sekunden hatten zwanzig kleine Teufel das Fundament für ein Haus gelegt. Winzige Träger kamen mit Mörtel angerannt. Arbeiter mit einer Figur wie Herkules schleppten Steine und Blöcke herbei. Das Klirren der Meißel klang wie Musik. Von Minute zu Minute entstanden neue Tür- und Fenstersprossen, während hundert geschickte Maurer ihre Mauern so schnell hochzogen, wie Erntearbeiter Strohgarben aufhäufen.

Es schlug zwei Uhr. Alle Wände des Hauses standen.

Jean saß voller Entsetzen in seinem Blätterhaufen und wagte nur ab und zu einen Blick, um zu sehen, wie es Nannette erging und wie die verfluchten Bauarbeiten vorankamen, die er so gerne hätte unterbrechen wollen. Aber wie ein Eichhörnchen, das seinen Kopf aus dem Loch eines alten Baumes streckt und sich schnell in sein Nest zurückzieht, wenn es einen Jäger erblickt, verbarg er sich schnell wieder in den Blättern, wenn er den großen Baumeister inmitten seiner Arbeiter erblickte.

Nannette stand bewaffnet mit einem Stock, ihrem Rosenkranz und einer Flasche Weihwasser neben dem Karren und bewachte den Hahn und die Hennen. Sie verfolgte jede Geste und jeden Schritt des Versuchers mit ihren Augen. Sie war so klug, mit ihrem Stock einen dreifachen Kreis um sich und den Wagen zu ziehen, und dabei sehr andächtig das Johannesevangelium zu rezitieren, und jedes Mal, wenn der Große Schwarze Anstalten machte, sich dem Wagen zu nähern, besprengte sie ihn hinterlistig mit Weihwasser.

Und als ob er von glühendem Zunder angesengt oder von einem Wespenschwarm gestochen worden wäre, schrubbte er hastig mit seiner Hand über die Stelle, wo ihn die Weihwassertropfen getroffen hatten. Mit einem Satz sprang ans andere Ende der Baustelle, wobei er einen misstrauischen Blick auf unsere Nannette warf, die sich auf ihr Hab und Gut stützte und so fromm und schnell, wie ein alter Kapuziner das Johannesevangelium aufsagte, während sie so tat, als ob sie schliefe.

Es schlug drei Uhr.

Jean beobachtete angstvoll, wie der Dachstuhl des Hauses fertiggestellt und der Obstgarten mit prächtigen Obstbäumen bepflanzt wurde. Er vernahm sogar das Plätschern des Brunnens unter einem schönen, eigens errichteten Wetterdach.

Trotz seiner Furcht musste er sich eingestehen, dass Herr Teufel alles richtig machte, um seine Nannette zu bekommen.

Die Viertelstunde schlug; der Dachstuhl war fertig. Fünf Minuten später lehnten lange Leitern am Haus. Auf jeder Sprosse saß ein kleiner Teufel, der jeweils einen Dachziegel von unten zum nächsten Teufel auf der höheren Sprosse nach oben reichte.

Am Dachfirst fehlten nur noch wenige Ziegel. Rittlings auf dem Dach sitzend, rieb sich der Herr Teufel zufrieden die Hände und betrachtete Nannette genüsslich, überzeugt, sie schon sicher in seinen Klauen zu haben. Die aber machte sich deswegen keine Gedanken: mit einer schnellen Bewegung hob sie die beiden Decken hoch, die die Hühner im Käfig vor der Kälte schützten.

Als Meister Hahn plötzlich das helle Licht bemerkte, glaubte er, er sei viel zu spät, um den neuen Tag anzukündigen. Er wollte seinen Fehler sofort wieder gutmachen und stieß das lauteste Ki-ki-ri-ki aus, das jemals von einem Hahn gehört wurde.

Bei dem Krähen fielen der große Baumeister, die Dachdecker, die Zimmerleute, die Maurer, die Maler, die Gipser und die «boccia», die Mörtelträger, mitsamt den Dachziegeln, den Gerüsten und allem anderen durcheinander und verschwanden dann wie ein Blitz im Wald, stiessen schrille Schreie aus und hinterliessen einen beissenden Geruch von verbranntem Schwefel.

Um sie noch schneller zu vertreiben, liess der Hahn, offenbar in bester Laune, ein zweites, energisches Ki-ki-ri-ki erklingen, und die Dunkelheit und Stille der Nacht legte sich über alles.

Bei Tagesanbruch beeilte sich Jean voller frischem Mut und Kraft, aus dem Laubhaufen herauszukommen.

Jetzt konnte er das wunderschöne Haus mit einem herrlichen Obstgarten betrachten. Das war sein Haus, das war sein Obstgarten! Er verdankte beides doch wohl mehr seiner Frau als dem Teufel.

Es wurde ihm endlich klar, dass eine gute Frau von unschätzbarem Wert ist!

Aber es fehlten noch die letzten Dachziegel. Als es Mittag wurde und das Haus keinen Schatten mehr warf, war Jean so wagemutig, die fehlenden Dachziegel am First anbringen zu wollen. Es gelang ihm nicht, auch nur einen einzigen zu befestigen. Kaum gelegt, flogen sie zu Boden, so wie der Wind Blätter verweht. Beim vierten Ziegel sah er ein, dass seine Arbeit sinnlos war, und er beeilte sich, wieder hinabzusteigen, um nicht selbst wie die Ziegel weggeweht zu werden.

Kurz darauf klopfte er in Begleitung seines ältesten Sohnes an die Tür des Klosters der Prämonstratenser in Humilimont. Der Abt, der ebenso klug war wie seine Haare kurz, erkannte gleich, dass es sich um eine sehr ernste Angelegenheit handelte und dass man wohl gegen eine grosse Macht kämpfen müsse. Er sandte sofort sechs der jüngsten Patres, die geweihte Gegenstände mit sich führten und mit allen Vollmachten ausgestattet waren, und gab ihnen den Befehl, nicht vor dem nächsten Morgen zurückzukommen.

Die Patres beteten viel, beschworen noch mehr und segneten lange. Sie bemerkten zwar nichts Ungewöhnliches, aber dennoch standen sie die ganze Nacht hindurch beim Beten eng beieinander.

Am nächsten Morgen hatten sich Tauben auf dem Dach des Hauses niedergelassen. Diese glücklichen Boten verkündeten sicher, dass der Teufel jedes Anrecht an seinem Werk verloren hatte, darüber war man sich einig.

Einer der Mönche verlegte selbst die fehlenden Dachziegel. Alle blieben liegen, wo sie liegen sollten.

Nannette, Jean und ihre Familie nahmen daraufhin das Haus in Besitz und genossen es ihr Leben lang, ohne jemals den schwarzen Baumeister und seine Arbeiter zu erwähnen. Alle Welt nannte das Haus dennoch «Praz Diablats», und diesen Namen trägt es noch heute. Ob dort wohl immer noch solch eine gerissene Nannette lebt? Wer weiss?

Nach: Marie-Alexandre Bovet, Légendes de la Gruyère, Lausanne, o. J. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Christine Reckhaus © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch