Mutabor Märchenstiftung

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Jean des Brebis und Christoph des Moutons

Land: Schweiz
Kanton: Freiburg
Region: Greyerz
Kategorie: Sage

In den alten Zeiten, als die Gegend um Cerniat noch dünn besiedelt und kaum zum Christentum bekehrt war, war es Brauch, dass das gesamte Vieh auf jedem Berg und auf jedem Stück Land grasen durfte. Sobald eine Kuhherde eine Weide verlassen hatte, durften Ziegen und Schafe zwei Tage lang dort grasen, nicht mehr und nicht weniger; außerdem durften sie vom Frühling bis zum Spätherbst in allen Wäldern weiden. Und schließlich durften sie auch auf die Weiden, von Allerseelen an bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Schnee Berge und Täler bedeckte.

Man hatte dem alten Jean die Herde im Tal anvertraut. Er war ein Mann von schlechtem Ruf, der nicht aus Cerniat, sondern aus dem Flachland stammte. Vielleicht war er sogar ein Savoyarde.

Die Herde der Leute aus der Ebene, also von jenseits der Berge, wo man Deutsch sprach, wurde von Christophe gehütet. Er war ein Guggisberger von der üblen Sorte. Beide hatten über lange Zeit die Schafe und Ziegen der Gegend von Crésuz bis Plaffeien gehütet und sie verstanden sich gut.

Jeden Monat, ja jede Woche verschwand mal hier eine Ziege, mal dort ein Schaf, aber immer weit weg von dem Ort, an dem Jean und Christophe ihre Herden hüteten. Die Diebstähle erstreckten sich über die Gebiete von La Roche, Montévraz, Bellegarde, Charmey und sogar Mothélon; überall sprach man nur von gestohlenen Schafen. Die Diebe konnten jedoch nicht entdeckt werden.

Das ging so Jahr um Jahr, ohne dass in den Herden von Jean oder von Christophe jemals ein einziges Schaf, nicht einmal ein Lamm fehlte: Ihre Tiere folgten ihnen wie die Hunde. Es war eine Freude, ihnen zuzusehen.

In einer schönen, sternenklaren Nacht lag Pierre, der alte Jäger aus Cerniat, auf der Lauer. Er stand regungslos am Rand des Potsena-Waldes, weit entfernt von den Herden der Ziegenhirten. Die Natur schlief; nichts war zu hören als das Klingeln kleiner Glöckchen und das undeutliche Murmeln des Javro, der am Fuß des Berges entlangfloss. Pierre hatte scharfe Ohren, er nahm das kleinste Geräusch wahr. Plötzlich hörte er aus der Ferne von der Berra her eine leise, aber deutliche Stimme, die rief: «Béon, Béon, Béon». Die Stimme kam immer näher.

Der alte Pierre versteckte sich, so gut es ging, im Unterholz und wartete. Auf einmal sah er Jean vorbeigehen, den Ziegenhirten, gefolgt von Ziegen, Zicklein und Schafen, die von allen Seiten herbeiströmten. Die armen Tiere schienen wie verhext zu sein, dermassen eilig folgten sie dem Hirten. Sie gehörten jedoch nicht zur Herde von Cerniat.

Der Jäger wurde neugierig und folgte dem Ziegenhirten in einigem Abstand bis hinter Les Gros Chomiaux. Dort sah er zu seinem Erstaunen vom gegenüberliegenden Berg, den Schafhirten Christophe kommen, dem ebenfalls eine große Anzahl Ziegen und Schafen auf Schritt und Tritt folgten, die auch nicht zu seiner Herde gehörte. Die beiden Männer trafen sich und der alte Jäger, der sich bei einem Felsbrocken versteckt hatte, konnte ihr ganzes schändliches Gespräch mitbekommen:

«Wie war die Ernte?»

«Ausgezeichnet! Wie war es bei dir?»

«Ich habe zu viele, sie rannten von allen Seiten herbei, sobald sie mich erblickten: Ah! Der grosse Ziegenhirt hilft uns über die Massen!»

Da vernahm der Jäger deutlich aus dem Inneren der Erde ein dumpfes, höhnisches Lachen: «So fröhlich werdet ihr bald nicht mehr von mir reden!»

In diesem Moment stieg ihm der durchdringende Geruch von verbranntem Schwefel in die Nase.

Die beiden Hirten aber fuhren mit der Schilderung ihrer Diebstähle fort, als ein Bursche aus Guggisberg dazukam, den sie wahrscheinlich erwartet hatten, und der nahm an ihrer Unterhaltung teil.

Nach einigem Feilschen übergab der Neuankömmling Christophe ein nettes Sümmchen an Goldmünzen, die einen schönen Klang von sich gaben und eilte dann mit Ziegen, Schafen und blökenden Lämmern durch das Tal der Ärgera zurück.

Der Hehler war noch keine tausend Schritte gegangen, als zwischen den beiden Gaunern ein heftiger Streit über die erhaltene Summe entbrannte. Sie beschuldigten sich nicht nur gegenseitig, seit über dreißig Jahren in der Gegend Schafe und sogar Rinder gestohlen zu haben, sondern auch vieler anderer Verbrechen: Morde, Hexereien und andere Untaten, deren Urheber bisher unbekannt geblieben waren. Ihre Beschimpfungen und Beschuldigungen wurden immer schlimmer und bald schlugen sie aufeinander ein.

Plötzlich blitzten zwei Klingen auf und zwei laute Schreie, die zu einem einzigen Schrei verschmolzen, rissen den alten Pierre aus seiner Betäubung.

Da er ein Unglück ahnte, kam er schnell aus seinem Versteck und eilte zum Schlachtfeld. Zu spät! Zwei Leichen lagen nebeneinander auf dem Boden! In Cerniat, wohin er eilig zurückgekehrt war, wollte niemand glauben, was der alte Pierre erzählte. Aber ein paar Neugierige folgten ihm schließlich doch zum Ort der Schlägerei. Sie fanden nur einen etwa einen Klafter großen, viereckigen Platz vor, der versengt war und rot und hart wie Dachziegel.

Am Abend des nächsten Tages hetzten zwei bluttriefende Gespenster, die in Flammen standen, durch die Berge, gefolgt jeweils von eine Herde Schafe und Ziegen. Der eine war von den Monts de Crésuz, der andere vom Gros Morvau aufgebrochen. Das eine war Jean, das andere war Christophe.

Sie trafen sich oberhalb von Chomiaux, wo sie noch am Vortag ihre gestohlenen Schafe dem Guggisberger übergeben hatten, und dort begannen sie erneut, sich gegenseitig zu bekämpfen.

Der Kampf war so schrecklich und das Geheul so entsetzlich, dass alle Bewohner des Tals, selbst die aus Charmey, in Angst und Schrecken versetzt wurden.

Jean des Brebis und Christophe des Moutons zogen die heiteren, sternenklaren Nächte vor, um mit ihren blökenden Herden auf die Berge bei Cerniat zu ziehen. Dann aber erblickte man die in Flammen gehüllten Hirten, vor ihnen ihre Hunde, hinter ihnen eine Unzahl von Ziegen und Schafen die sie die Bergkämme entlangleiteten.

Der eine, Jean, zog von den Monts de Crésuz über Felsen hinweg, durch Abgründe, Wälder und Weiden in Richtung Mont Bifé, La Berra und Gros Chomiaux und er klagte laut: «Wem muss ich all diese kleinen Tiere der Herde zurückgeben? Wem muss ich sie zurückgeben?»

Der andere, Christophe, zog vom Gipfel des Gros-Brun, dem Schopfenspitz, los, eilte über die Kämme von Gros Morvau, Patraflon, Bremingard und La Balisaz und lief Jean wie auf einer Bahn aus Feuer entgegen, wobei er ebenfalls mit verzweifelter Stimme rief: «Wem muss ich all diese kleinen Tiere der Herde zurückgeben? Wem muss ich sie zurückgeben?»

Die beiden Herden trafen sich immer auf einer Weide oberhalb von Gros Chomiaux. Ähnlich zwei riesigen Armeen nahmen sie ihre Positionen ein und stellten sich zur Schlacht auf. Die beiden Anführer rannten hierhin und dahin und gaben Befehle, sie brüllten, beschimpften und provozierten sich gegenseitig wie die Krieger in alten Zeiten.

Christophe brüllte: "Komm, du großer Dieb von Ziegen und Schafen, komm her und sieh nach, ob ich nicht mehr und habe als du und schönere! Du bist doch nur ein Welscher aus Cerniat! Lass sie nur kommen, deine kleinen Böckchen und Schäfchen!»

«Halt den Mund, du alter Guggisberger», brüllte dagegen Jean. «Deine hornlosen Ziegen und Böcke bestehen nur aus Haut und Knochen. Von heute Nacht an kannst du mit deinem Hund wie die Dämonen aus der Hölle allein über Weiden, Felsen und Abgründe rennen, bist du kein Guggisberger mehr bist! Komm her, damit ich deine halbverhungerte Herde vernichten kann!

Ein schrecklicher Kampf entbrannte. Jeans Herde stürzte sich auf die von Christophe und die von Christophe stürzte sich auf die von Jean: Kopf an Kopf, Horn an Horn, Zicklein, Lämmer, Widder, Böcke, Ziegen und Schafe kämpften wie die Löwen. Das Gebrüll und das Gezeter der Anführer, das Blöken der Herden und das Heulen der Hunde hallten als Echo von einer Felswand zur anderen bis in die Talsohle wider. Der Kampf dauerte bis zum Hahnenschrei, um dann bisweilen in der nächsten Nacht von neuem zu beginnen.

Jean des Brebis und Christophe des Moutons waren der Schrecken der Männer und der Frauen in der Gegend um Cerniat. Dort, wo sie hergezogen waren, wuchs ein Jahr lang kein Gras mehr. Wenn sie sich näherten, ging das Gebüsch in Flammen auf, die verängstigten Viehherden flohen, so weit sie konnten und die draufgängerischsten und entschlossensten Schützen zitterten am Herd ihrer Hütten und wagten sich nicht einen Schritt vor die Tür. Die Frauen waren verzweifelt. Bestürzt und unter Tränen flehten sie ihre Männer an, niemals Schafe und Ziegen zu stehlen. Die verkohlte Weide, auf der sich Jean und Christophe gegenseitig bekämpften, blieb unfruchtbar und weder Tiere noch Menschen wagten es, sich ihr bei Tag oder Nacht zu nähern.

Bald flößte sie so viel Furcht, Schrecken und Entsetzen ein, dass man ihr den Namen gab, den sie noch heute trägt: Parc des Fayes – die Geisterwiese und Creux d'Enfer – der Höllenschlund.

Christophe und Jean kehrten in der warmen Jahreszeit und in sternenklaren Nächten häufig als Geister mit ihren Herden zurück und erschreckten über Jahrhunderte hinweg Pfarrer, Frauen und starke Männer. Das war lange, bevor die Kartäusermönche sich am Ende des Tals von Cerniat in einer Wildnis aus Tannen und Geröll niederliessen.

Eines Nachts versammelten sich die Mönche zum Gebet unter einem riesigen Baum, an dessen uralte Ästen Öllampen, Fackeln und die Glocke des zukünftigen Klosters aufgehängt waren.

Sie waren im Gebet versunken, als sie plötzlich zwei feurige Bahnen sahen, die mit einem Höllenlärm aus Schreien und Blöken aufeinander zurasten.

Die Mönche, die aus Frankreich gekommen waren, wo sie normalerweise von nichts anderem als von frommen Themen gehört hatten, waren natürlich sehr erstaunt.

Aber als sie nicht weit über ihren Köpfen sahen, wie die Geisterherden aufeinandertrafen und ein furchtbarer Kampf begann, als sie das Schreien und Wimmern der Schafe und Ziegen, das Heulen der Hunde und die die gotteslästerlichen Flüche der beiden Hirten vernahmen, erschraken sie zutiefst und «sie begriffen in ihrer Seele, dass es sich um eine böse und schwarze Teufelei handelte» so heisst es in den alten Chroniken. Sollten sie sich lieber von dieser irdischen Hölle wegziehen? Oder sollten sie den Kampf gegen diese dämonischen Armeen aufnehmen?

Pater Mitschy, ein energischer Mann, dessen Name in die Geschichte eingegangen ist, und Pater Victorien, ein furchtloser alter Soldat, wollten sich dem Feind sofort entgegenstellen. Die eingeschüchterten Novizen waren dagegen der Meinung, dass dieser verfluchte Ort verlassen werden sollten.

Der Pater Prior war ein Mann aus der alten Zeit – fromm, eifrig und lebenserfahren. Er entschied sich für den Kampf, hielt es jedoch für notwendig, sich vorher gründlich über die Art und Weise der höllischen Geister, Gespenster oder teuflischen Zauberer zu informieren, die den Frieden des Landes störten. So liess er am nächsten Tag die Ältesten des Tals zusammenkommen und befragte sie gründlich, was sie über die höllischen Geschehnisse wüssten. Obwohl es die Nächstenliebe und die Klugheit gebieten, niemanden als verdammt zu betrachten, fiel es ihnen nicht schwer zuzugeben, dass es sich in diesem besonderen Fall um verfluchte Seelen handeln musste, die in dieser Welt ihre schreckliche Strafe erleiden. Der energische Pater Mitschy, und der hitzige Pater Victorien wurden so in ihrem Entschluss bestärkt, die Erde von diesen verfluchten Erscheinungen zu säubern - und dieses Mal stimmte die Gemeinschaft ihnen voll und ganz zu.

Am nächsten Tag stiegen die beiden Mönche bei Sonnenuntergang den Hang von der Gros Chomiaux hinauf und stützten sich dabei Wanderstäbe, die fromme Pilger wohl aus Rom oder Jerusalem mitgebracht hatte. An ihrem Gürtel hing ein langer Rosenkranz und in ihren Taschen befand sich ein Fläschchen mit Weihwasser. Sie gingen gemessenen Schritts und lasen leise das Johannesevangelium, bis sie den trostlosen Ort Parc des Fayes erreichten, wo sie den schrecklichen Kampf der Geister beobachtet hatten. Und dort begannen sie ihre Gebete.

Kurz nach dem Abendgebet sahen sie von Ferne die vermaledeiten Herden herankommen. Mit doppeltem Eifer empfahlen sie sich dem heiligen Bruno und allen Heiligen im Himmel. Eilends näherte sich diese blökende, wimmernde und brüllende Horde, um nur wenige Schritte von den beiden Mönchen entfernt stehen zu bleiben, deren unerwartete Anwesenheit ihren Zorn noch zu steigern schien.

Auf ein Zeichen ihres Anführers stellte sich Christophes Herde in einem Halbkreis vor den Mönchen auf, und sogleich ahmte Jeans Herde diese Aufstellung auf der gegenüberliegenden Seite nach. Die heiligen Ordensleute waren also von einem Höllenkreis umgeben, der sich trotz ihrer Gebete und Beschwörungen immer enger zusammenzog. Die Hunde wollten sich auf sie stürzen und sie zerfleischen, als Pater Victorien, der in seiner Jugend viele spannende Geschichten von Geistern gehört hatte, sich glücklicherweise daran erinnerte, dass die höllischen Geister nicht in der Lage sind, einer Person zu schaden, die einen Kreis um sich gezogen hat, während sie das Johannesevangelium aufgesagt hatte.

Hastig ergriff er seinen geweihten Pilgerstab und zog schnell einen großen Kreis um sich und Pater Mitschy herum, wobei er das heilige Gebet mehr hastig als andächtig murmelte. Daher mussten die Herden stehenbleiben, und die abscheulichen Ziegenböcke mit ihren bedrohlichen Hörnern, die zuvorderst liefen, fielen rücklings zu Boden, als seien sie niedergeschlagen worden.

Von dem Moment an kannte die Wut der beiden Gespenster keine Grenzen mehr.

«Was wollt ihr hier überhaupt, ihr schurkischen und rücksichtslosen Mönche!", brüllte einer. «Sind wir nicht schon elend genug dran, ohne dass ihr unser Leid noch vergrößert?»

«Euer Gewand tut mir in den Augen weh», schrie der andere, «Ihr wollt mich wohl von meiner Rache abhalten! Ich werde euch die Kehle durchschneiden!» Und mit diesen Worten schwang er einen blutigen Dolch und machte vergebliche Anstrengungen, sich auf die Mönche zu stürzen.

«Euer Prior hat euch nicht erlaubt, uns zu verfolgen.» brüllte der erste. «Ihr habt ihm nicht gehorcht, jetzt wir haben Macht über euch, ihr werdet sterben!»

Doch der Kreis, der die beiden Mönche umgab, konnte nicht durchbrochen werden.

«Was haben wir mit euch zu tun, ihr Grasfresser?» setzte der andere hinzu. «Wenn wir zu Lebzeiten Schafe gestohlen und getötet haben, was geht euch das an, wo ihr doch keine Schafe esst? Wir kämpfen um den Platz, den ihr besetzt habt; er ist unser seit Jahrhunderten. Ihr werdet zertreten, zertrampelt und gefressen! Vorwärts, Meute! Tod dem Verräter, der mich ermordet und verdammt hat!" Sein Gegner wiederholte: "Tod dem Verräter, der mich ermordet und verdammt hat".

Um die entsetzten Kartäuser herum entbrannte ein schrecklicher Kampf. Sie beteten, segneten und beschworen, und die beiden Verdammten, zwei blut- und feuerrote Gespenster, stachen mit ihren Dolchen aufeinander ein, sie beleidigten sich und lästerten, während ihre Hunde und Herden sich gegenseitig zerfleischten. Aber trotz der Intensität des Kampfes vergaßen die Streithähne die beiden Ordensleute nicht und strengten sich weiterhin an, um den von Pater Victorien gezogenen Kreis gewaltsam zu durchdringen.

So ging es Stunde um Stunde weiter, bis aus dem Tal der silberhelle Klang der Angelusglocke erklang!

Da entfernten sich Gespenster und Herden mit erneutem Geheul Hals über Kopf in Richtung der Ärgera und verschwanden in einer Untiefe der Weide, dem Creux d’Enfer.

Die armen Mönche waren sehr betrübt, dass sie die Geister der Hölle nicht hatten beschwören können. Sie kehrten zum Kloster zurück und schätzten sich noch glücklich, noch einmal unversehrt davongekommen zu sein.

Was Pater Victorien am meisten erschreckt hatte, war, dass die Hunde nicht nur gebellt, sondern auch sehr deutlich Deutsch gesprochen hatten! An ihrem verstörten Blick und ihren bleichen Gesichtern erkannte der Pater Prior auf den ersten Blick, dass seine Ordensbrüder versagt hatten. Und als er sie angehört hatte, begriff er, dass Jean und Christophe zu jenen Geistern gehörten, die nur durch Gebet und Fasten beschworen werden können.

Neun Tage lang fasteten die Mönche und Novizen bei Brot und Wasser und beteten ununterbrochen.

Jeden Abend wurde der Kampf dort oben noch schrecklicher und die Schreie noch abscheulicher. Es war, als würden die beiden Verdammten den heiligen Ordensleuten trotzen.

Gegen Abend des neunten Tages schließlich machte sich der Prior selbst auf den Weg nach Parc des Fayes, begleitet vom Küster des Klosters, einem guten kleinen Pater, der sich nur um die Angelegenheiten des lieben Gottes kümmerte. Er hatte die heiligen Reliquien dabei und eine Flasche doppelt geweihten Wassers, des Wassers, das der Generalprior nur einmal im Jahr, am Morgen des Festes des heiligen Bruno, zu segnen pflegte.

Die verfluchten Herden fanden die Mönche knieend zwischen den Felsbrocken des Parc des Fayes. Sie beteten andächtig zu St. Michael, St. Johannes, St. Peter und Paul, St. Antonius und St. Bruno und allen anderen Heiligen, die jemals mit dem Teufel zu tun hatten. Wie beim ersten Mal bildeten die beiden Geisterherden einen bedrohlichen Kreis und machten sich fluchend, brüllend und spottend zum Angriff bereit. Der Pater Prior hob seine rechte Hand, machte mit dem Weihwasser das Zeichen des Kreuzes und sagte mit lauter Stimme: "Im Namen Christi und auf die Fürsprache, des heiligen Bruno, unseres Ordensgründers, verbiete ich euch, Geister der Hölle, Mensch und Tier in Zukunft Schaden zuzufügen und ich verbanne euch in die Hölle!»

In dem Moment stürzten Jean des Bébris und Christophe des Moutons mit ihren Herden in den Abgrund an der Weide, genannt Creux d’ Enfer, den Höllenschlund. Und ihr Wutgeschrei ging unter in Klagen und Stöhnen.

Das Tal war endgültig von ihnen befreit und sah sie nie wieder, aber die Orte ihrer Untaten tragen bis heute die Namen des Schreckens: Parc des Fayes und Creux d'Enfer.

Nach: Marie-Alexandre Bovet, Légendes de la Gruyère, Lausanne, o. J. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Christine Reckhaus © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch