Mutabor Märchenstiftung

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Der geheimnisvolle alte Mann

Kategorie: Zaubermärchen

Es lebten einmal drei Brüder, die teilten nach dem Tod des Vaters ihr Erbe auf. Die beiden älteren waren schon verheiratet, setzten ihren Erbteil klug ein und kamen so zu gutem Wohlstand. Dem jüngsten aber floss seit jeher das Geld nur so aus den Händen, und nicht lange, da war er verarmt. Und weil er dazu auch noch faul war, wollten auch die Brüder ihm nicht mehr helfen. Also dachte der junge Mann: «Ich werde in die Welt hinausgehen und sehen, ob ich jemanden finde, der mir helfen kann.»

Lange ging er, bis er auf einen Berg kam. Dort sah er einen alten Mann, der Kräuter sammelte. Der junge Mann grüsste ihn, doch der Alte arbeitete schweigend weiter.

Weil der junge Mann nicht wusste, wohin er gehen sollte, folgte er dem Alten, bis sie am Abend zu einer Hütte kamen. Der Alte führte ihn hinein, teilte sein Brot mit ihm und zeigte ihm schweigend, wo er sich in der Nacht zum Schlafen hinlegen sollte.

Um Mitternacht wachte der junge Mann auf, weil er eine Stimme hörte. Sie schien aus der Erde zu kommen und sagte: «In dieser Nacht sind tausend Kinder geboren.»

Daraufhin hörte der junge Mann den Alten antworten: «Ihr Schicksal soll sein wie in dieser Nacht.»

Am nächsten Morgen folgte der junge Mann dem Alten auf seiner Suche nach Kräutern. Als es dunkel wurde, kamen sie zu einem Haus. Der Alte führte ihn hinein, teilte Suppe und Brot mit ihm und zeigte ihm das Bett, in dem er schlafen sollte.

Um Mitternacht aber hörte man die gleiche Stimme, die rief, wieviel Kinder geboren waren, und der Alte antwortete wieder: «Ihr Schicksal soll sein wie in dieser Nacht.»

Auch am nächsten Tag folgte der junge Mann dem Alten auf der Kräutersuche. Abends kamen sie zu einem prächtigen Haus. Diener bewirteten sie und wiesen ihnen ein Bett zu. Auch in dieser Nacht hörte man eine Stimme und den Alten, der sprach: «Ihr Schicksal soll sein wie in dieser Nacht.»

Am nächsten Morgen sprach ihn der Alte an und sagte: «Drei Tage und drei Nächte bist du mir gefolgt, nun sollst du mir deine Geschichte erzählen.» Der junge Mann erzählte alles, und daraufhin sprach der Alte: «Ich gebe dir folgenden Rat: Geh nach Hause, und heirate die Magd deiner Brüder, denn sie ist in einer Nacht wie der vergangenen geboren, und ein gutes Schicksal wartet auf sie. Du hingegen bist in einer Nacht wie der ersten geboren, dein Schicksal ist die Armut. Heirate sie, und du wirst glücklich und reich sein. Doch denke daran: Wenn dich jemand fragt, so sage immer: Alles gehört meiner Frau.»

Der junge Mann bedankte sich für den Rat und machte sich auf den Heimweg. Er bat die Brüder, die Magd heiraten zu dürfen, und sie willigten ein. Sie bauten dem jungen Paar ein schönes Haus und schenkten ihm ein gutes Feld für die Weizensaat.

Fleissig machte sich der junge Mann an die Arbeit und begann, das Feld zu pflügen. Nicht lange, da stiess er mit dem Pflug an einen Topf voller Gold. Glücklich kauften er und seine Frau weitere Felder dazu, und bald schon konnten sie über ihre reichen Weizenfelder schauen. Zur Zeit der Ernte war der junge Mann zusammen mit Erntehelfern dabei, die goldenen Garben zu binden. Da kam auf einmal ein alter Mann vorbei und fragte: «Wem gehören das Haus und die grossen Weizenfelder?»

«Das gehört alles mir!», rief der junge Mann stolz.

Kaum hatte er die Worte gesagt, kam ein Wind auf, wirbelte die Garben durcheinander und drohte, das Dach vom Haus abzudecken. Schnell rief der junge Mann: «Es gehört alles Habibti, meiner Frau!»

Da legte sich der Wind. Der Alte lächelte und ging davon. Der junge Mann aber vergass nie mehr, dass er sein gutes Schicksal seiner Frau verdankte – und dem Rat des weisen Alten. 

Fassung D. Jaenike, aus: J. Schütz, Jugoslawische Märchen, Frankfurt a. M. 1972 © Mutabor Märchenstiftung

Bosnien-Herzegowina besteht in seiner heutigen Form seit dem Dayton-Abkommen von 1995 aus dem nördlichen Bosnien und der südlichen Herzegowina. Nur ein schmaler Streifen, der Neum-Korridor, grenzt auf der Balkanhalbinsel an das Meer. Nach dem Austritt aus dem jugoslawischen Staatsverband 1990 folgte 1992 der dreijährige Bosnienkrieg mit bis heute ungelösten Konflikten. Mehr als zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht, hinzu kommen zwei Millionen Binnenflüchtlinge. Der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur kommt nur schleppend voran. Arbeitslosigkeit und mangelnde medizinische Versorgung prägen das Leben.