Der büssende Schultheiss
In Bern, als es noch die sogenannte Silberstrecke unweit der alten Münze an der Aare gab, kannte man einen unterirdischen langen Gang, vor dessen Öffnung ein Hollunderbaum stand. In diesem Gange hat mancher arme Bürger in seiner Not Hilfe gefunden. Man durfte einmal zu heiliger Zeit hingehen und kam bis zu einer eisernen, von innen verschlossenen Türe. Wer hilfebedürftig war, rief zweimal:
Schultheiss N. hör meinen Ruf!
Bald wird enden sich dein Fluch.
Gott sei deiner Seelen gnädig!
Er mache dich von Sünden ledig!
Dann vernahm er schwere Tritte, die Türe ging auf und der gerufene Schultheiss erschien in kohlschwarzen Samt gekleidet, eine goldene Kette am Halse, neben ihm ein grosser schwarzer Hund. Er deutete auf seinen durch Veruntreuung entstandenen Schatz und der Rufende durfte zugreifen. War einst die Kiste leer, so sollte der Büssende erlöst sein; im Jahre 1802 sei sie schon halb leer gewesen.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch