Strüdeljaggi
Doktor Jaggi selig, der in Gsteig wohnte, verstand sich auf geheime Künste. Er vermochte unter anderem auch Vieh und Menschen zu «gstellen». Er war im Besitze der seltenen Strüdelbücher, welche die magischen Künste lehren. Darum sei sein Leib auch nach seinem Tode brandschwarz geworden. Einmal kam ein armes Bäuerlein vom Gsteigboden zu Strüdeljaggi und bat ihn, er
möchte die Schelmen «gstellen», die allnächtlich seine Kirschbäume plünderten. «Find ein Rosseisen», sagte der Doktor, «aber eines mit sieben Löchern drin. Nimm das Eisen und vergrab's um Mitternacht am Kreuzweg, der zu deinen Bäumen führt.» Da erschrak das Bäuerlein und wollte mit der Sache nichts zu schaffen haben, bat aber den Doktor, ihm dennoch behilflich zu sein. Das versprach der Doktor endlich und das Männchen drückte sich. In der Nacht stand der Strüdeljaggi im Gsteigboden und wartete auf die Nachtbuben. Kaum waren sie auf den Baum gestiegen, sagte er seinen Spruch. Da vermochten die Burschen kein Bein mehr zu rühren. Als am Sonntag morgen die Leute zur Predigt gingen, waren die beiden Burschen noch auf den Kirschbäumen. Erst als es ausgeläutet hatte, kam Strüdeljaggi dazu und löste den Bann.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch