Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Wohltäterin

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Stadt Bern
Kategorie: Sage

Sie ist noch nicht lange gestorben. In der ganzen Stadt war sie als Wohltäterin bekannt wiewohl sie selbst arm und dürftig lebte. Aber gerade ihrer Dürftigkeit wegen kamen ihr fast jeden Tag Spenden zu, deren Absender nicht genannt wurden. Mit diesen unterstützte sie die Armen.

Hat sie ihnen nicht alles gegeben? Durch das Haus, in dem sie wohnte, schlurft sie zeitweilig nachts zwölf Uhr herum. Die hohen Räume des ehemaligen Grafensitzes hallen von ihrem Tritte wider. Immer noch trägt sie das grosskarierte Kleid, das sie zu Lebzeiten jeden Tag getragen; auf der linken Seite hängt die Samttasche, die sie ebenfalls zu Lebzeiten besass, aber ihre Hände krampfen sich um den Verschluss. «Mich friert», jammert sie vor sich hin. Jedem, der in diesem Hause wohnt, erscheint sie. Der eine sieht sie auf der Treppe, der andere im Korridor beim Mondenschein. Und so willkommen manchem ihr Erscheinen bei ihren Lebzeiten war, so löst es heute, da sie ruhelos herumwandert, Entsetzen und Grauen aus.

Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch