Wie der Sohn dem Vater verzieh
Man erzählt sich, dass man vor langer Zeit die Menschen, wenn sie alt wurden, zum Wasser führte und sie ertrinken liess. So geschah es beim Urgrossvater, beim Grossvater und als der Vater alt wurde, so musste auch der Sohn den Alten zum Wasser bringen. So lebte einmal ein Sohn mit seiner Familie in einer Hütte nah am Meer. Die Grossmutter war schon lange gestorben, aber der Grossvater lebte gemeinsam mit dem Sohn, dessen Frau und dem Enkel im Haus. Lange war der Grossvater noch rüstig und half, wo er konnte. Doch als er kaum noch gehen konnte, sagte der Sohn: «Komm, Vater, es ist Zeit, dass ich dich zum Meer bringe.»
Der Sohn stützte den Vater auf dem Weg zum Wasser. Als sie oben auf dem Hügel standen, wo nach alter Tradition der Sohn den Vater ins Meer stürzen sollte, sagte der Alte: «Warte, mein Sohn, höre mich an. Schau, auch ich habe meinen Vater hierhergebracht und ins Meer gestossen. Und mein Vater hat seinen Vater zum Wasser geführt. Auch dein Sohn wird dies einmal tun und ich frage dich, willst du das wirklich?»
Der junge Mann war lange Zeit still und überlegte, dann sagte er: «Was du getan hast, war schlimm. Aber du hast mich davor bewahrt, ebenfalls etwas Schlimmes zu tun. Deshalb will ich dir verzeihen, damit von nun an niemand mehr in dieser Familie auf diese Art sterben muss.»
An diesem Tag kehrten die beiden ins Dorf zurück. Die Leute kamen und wollten wissen, was geschehen war und hörten die Geschichte. Sie erzählten sie weiter, und diese erzählten sie wieder weiter, und von da an durften die alten Menschen bis zu ihrem Lebensende glücklich im Kreis ihrer Familien bleiben.
Fassung Djamila Jaenike © Mutabor, nach: J.U. Jarník, Albanesische Märchen und Schwänke, in: Zeitschrift für Volkskunde in Sage und Märchen, Band 2, Leipzig 1890, unter dem Titel «Der Sohn verzieh dem Vater».
Albanien ist ein kleines Land (rund anderthalbmal kleiner als die Schweiz) und gehört zum Balkan. Es liegt im Südosten Europas gegenüber von Italien, an der Adria und dem Ionischen Meer. Es ist eines der ärmsten Länder Europas. Die Infrastruktur des Landes ist schwach, die Arbeitslosenquote hoch, die Löhne tief, die Perspektiven für junge Menschen und Familien trist. Die Auswanderung begann mit dem Zusammenbruch des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre. Davor war das Land jahrzehntelang diktatorisch regiert und von der Aussenwelt isoliert. Das heutige, demokratische Albanien hat eine der höchsten Auswanderungsquoten der Welt. In den vergangenen 30 Jahren haben etwa eine Million Menschen das Land verlassen.