Von der Maus, die sich erschreckt hat
Eine Maus lag unter einem Busch und blinzelte schläfrig in die Sonne. Da fiel ein trockenes Blatt auf sie. Erschrocken sprang sie auf und lief davon.
Sie rannte an einem Fuchs vorbei.
«He, warum rennst du so?», fragte er.
«Es ist etwas vom Himmel gefallen, das könnte dich auch treffen!», rief die Maus.
Da bekam auch der Fuchs Angst und rannte los.
Die beiden rannten am Wolf vorbei.
«He, warum rennt ihr denn so?»
«Es ist etwas vom Himmel gefallen, das könnte dich auch treffen!», rief die Maus.
Jetzt bekam auch der Wolf Angst und rannte ebenfalls davon.
Die drei rannten und rannten am Bären vorbei.
«He, warum rennt ihr denn so?»
«Es ist etwas vom Himmel gefallen, das könnte auch dich treffen!», rief die Maus.
Erschrocken rannte der Bär den anderen hinterher.
Sie rannten, bis sie zu einer Höhle kamen. Dort krochen sie hinein und lauschten, ob etwas vom Himmel fiel, aber draussen war es still.
«Am besten bleiben wir zusammen», sagte der Bär, «wenn wieder etwas vom Himmel fällt, können wir uns besser verteidigen.»
Die anderen waren einverstanden. So lebten sie den ganzen Sommer und Herbst zusammen und sammelten Honig für den Winter. Als drei Töpfe voll waren, stellten sie sie in ein gutes Versteck.
Als es anfing zu schneien, wurde es dem Fuchs langweilig und er bekam Lust auf Honig. Aber wie sollte er vom Honig schlecken, ohne, dass die anderen es bemerkten? Eines Tages sagte er: "Heute muss ich leider weg, ich muss zu einer Taufe. Da ging er aus der Höhle direkt zu den Honigfässern und schleckte eines ganz aus.
Als er zurückkam, fragten die anderen: «Wie hiess das Kind?»
«Erster Topf», sagte der Fuchs. «Das ist aber ein komischer Name», sagten die anderen.
Bald darauf hatte der Fuchs wieder Lust auf Honig. «Ich muss schon wieder zu einer Taufe», sagte er, ging davon, schleckte den zweiten Topf aus und sagte, das Kind heisse «Zweiter Topf».
Nicht lange darauf, sagte er: «Ich muss zum dritten Mal zur Taufe», ging fort und leerte auch den letzten Honigtopf.
Als er wiederkam, fragten der Bär, der Wolf und die Maus: «Wie hiess denn das Kind?»
«Dritter Topf», sagte der Fuchs, und die anderen wunderten sich über den seltsamen Namen.
Als die Tiere nach einiger Zeit Honig holen wollten, stellten sie fest, dass alle Töpfe leer waren. Die Maus sah die Spuren des Fuchses auf dem Boden und piepste: «Das war der Fuchs!»
«Sei still», sagte der Fuchs und wollte die Maus packen. Aber die sprang auf und rannte davon. Der Bär und der Wolf aber hatten alles gehört und riefen: «Warte nur, du Honigdieb!» Der Fuchs sprang nun ebenfalls davon, der Bär und der Wolf hinterher. Bald hatten sie den Fuchs eingeholt, und er bekam die Tatzen des Bären und die Zähne des Wolfes zu spüren.
Die Maus aber rannte und rannte, bis sie zu ihrem Strauch kam. Sie legte sich darunter und ruhte sich von ihrem Abenteuer aus. Seit diesem Tag aber leben Bär und Wolf, Fuchs und Maus nicht mehr zusammen.
Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Preindlsberger-Mrazovic,Bosnische Volksmärchen, Innsbruck 1905, unter dem Titel «Das Füchslein», © Mutabor
Bosnien-Herzegowina besteht in seiner heutigen Form seit dem Dayton-Abkommen von 1995 aus dem nördlichen Bosnien und der südlichen Herzegowina. Nur ein schmaler Streifen, der Neum-Korridor, grenzt auf der Balkanhalbinsel an das Meer. Nach dem Austritt aus dem jugoslawischen Staatsverband 1990 folgte 1992 der dreijährige Bosnienkrieg mit bis heute ungelösten Konflikten. Mehr als zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht, hinzu kommen zwei Millionen Binnenflüchtlinge. Der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur kommt nur schleppend voran. Arbeitslosigkeit und mangelnde medizinische Versorgung prägen das Leben.