Die Hexe Catillon
Im Jahr 1597 schrieb der Grossvikar Schneuwly an den Senat von Freiburg: «Auf dem Land wimmelt es von Zauberern, Wahrsagern und Männern, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben. Es handelt sich um Hexerei. Weisen Sie die Vögte durch einen formellen Erlass an, jeden, der dieses Verbrechens verdächtigt wird, in die Stadt zu bringen, um dort von Kirchenleuten untersucht zu werden».
Jeder konnte der Hexerei beschuldigt werden, viele wurden verurteilt und verloren unschuldig ihr Leben. Die letzte Frau, die in Freiburg als Hexe verbrannt wurde, war Catherine Repond.
Sie hatte einen Buckel, deshalb kannte sie jeder. Sie lebte mit ihren zwei Schwestern im Haus ihres Vaters und kein Mann wollte sie heiraten. Sie spann Wolle und bettelte hier und da um Almosen. Man munkelte Catherine, oder Catillon, wie sie alle nannten, könne zaubern, denn Folgendes wollte man gehört oder gesehen haben:
Eines Tages, als ein heftiges Gewitter über dem Moléson aufzog und der Himmel sich gelbrot färbte, brach ein solcher Sturm los, dass die Flüsse wie die Saane, die Albeuve und die Trême über die Ufer traten. Sie rissen alles mit sich, Bäume, Kühe, Menschen und Häuser. Die entfesselten Elemente brachen über die arme Bevölkerung herein, die hilflos zusehen musste, wie das fruchtbare Land zerstört wurde. Als sie in den dunklen Himmel blickten, glaubten sie, Dämonen zu sehen, die wie Blitze zwischen den Wolken tanzten, und zwischen ihnen, sie sahen es genau, tanzte Catillon. Mit den Dämonen kämpfte sie gegen den Moléson, bis sich ein grosser Felsblock löste, über die Weiden rollte und schliesslich liegen blieb. Heute ist er von Bäumen überwachsen, aber man kann noch immer die Fussabdrücke der Dämonen auf dem Stein sehen.
Nach diesem schrecklichen Vorfall wussten alle um die zauberischen Kräfte von Catillon, aber man vermutete, dass sie hinter so manchem Unheil steckte. Sie hatte drei freundliche Nichten, die viele Verehrer hatten, die ihnen manchmal sogar auf den Markt nach Bulle oder Freiburg folgten, wo die drei Frauen Eier verkauften. Die Frauen aber assen von Zeit zu Zeit ein süsses Fett, das Catillon ihnen gegeben hatte. Einer der jungen Männer ass ebenfalls davon. Aber in der folgenden Nacht bekam er schreckliche Schmerzen im Unterleib geplagt und legte daraufhin einen ganzen Korb voll Eier!
In Gibloux berührte Catillon einmal ein Kind mit einer Rose. Kurz darauf wurde das Kind krank und starb. Da wussten die Leute, dass sie eine Hexe war.
Béat-Nicolas von Montenach, Vogt von Çorbières, begann daraufhin mit seinen Ermittlungen. Unter Anwendung verschiedener Folterwerkzeuge gestand Catillon alles und man fasste zusammen:
Catillon hatte im Wald bei Villargiroud den Teufel in schwarzer Gestalt gesehen und mit ihm einen Pakt geschlossen. Zehn Jahre lang versorgte er sie mit allem, was sie brauchte, besuchte sie sogar im Kerker und brachte ihr Brot und Käse. Von ihm bekam sie auch das süße Fett, mit dem ihre Nichten Eier legen konnten. Sofort wurde ihr Haus durchsucht und das Fett beschlagnahmt. Aber niemand machte die Probe aufs Exempel - welcher Vogt wollte schon nachts Eier legen! Manchmal nahm der Teufel die Gestalt einer Katze an und lud sie zu Versammlungen ein. In Cormagens, in Avry-devant-Pont, in Sorens, oberhalb von Greyerz, bei Enney, oberhalb von Estavannens, in Broc, bei Châtel-Saint-Denis, in Crésuz, oberhalb von Charmey, in Morlon und sogar in der Kapelle Saint-Théodule in Gibloux, in La Part-Dieu, in Moléson und sogar bei ihr zu Hause sollen diese Versammlungen stattgefunden haben. Der Teufel leitete jedes Mal die Versammlung, manchmal in der Gestalt eines Tieres. Der Teufel sprach deutsch, weshalb Catillon nichts verstand, aber alle mussten den Teufel anbeten und küssen. Dank verschiedener Folterwerkzeuge konnte Catillon die Namen aller Beteiligten nennen. Catillon gestand, dass sie ihre Schuhe und ihren Körper mit Fett eingerieben hatte, bevor sie auf dem Spinnrocken davonflog.
Dieser verwandelte sich in einen Hund oder einen Ziegenbock und flog durch den Schornstein zum Versammlungsort. Dort mussten alle ihre Zaubersprüche aufsagen, sie erhielte Gifte und wurden vom Teufel ermutigt, den Menschen zu schaden. Man stellte einen Tisch auf, aß und trank viel, tanzte um das Feuer und sang wilde Lieder. Mit dem ersten Licht des Morgens verschwanden alle und von dem Ort des Schreckens war nichts mehr zu sehen. Einmal verwandelte sich Catillon in einen Hasen und täuschte einen Jäger. Er schoss auf ihn und verwundete ihn am Bein, die Narbe war noch deutlich zu sehen.
Man kannte damals das Folterhandwerk und alle Unschuldsbeteuerungen halfen nichts, Catillon wurde zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Dreißig Pfund kostete die Hinrichtung, die das Senseland 1731 von der letzten Hexe befreien sollte.
Eines ist sicher: Hätte Catillon selbst sprechen können, hätten wir eine ganz andere Geschichte gehört. Damit ihre Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, wurde in Freiburg mehrere hundert Jahre später ein Platz nach ihr benannt, der Catherine-Repond-Platz.
Neu erzählt von Djamila Jaenike, nach: «Catillon-la-Sorcière», aus: J. Genoud, Légendes Fribourgeoises, Fribourg 1892. Eingelesen und aus dem Französischen übersetzt von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch