Der Fussabdruck des Mönchs
Unweit vom Schwarzsee soll es auf den Alpweiden einmal eine Schlangenplage gegeben haben. Die Schlangen drangen in die Ställe der Alphütten ein, tranken die Milch der Kühe und saugten schliesslich ihr Blut, bis eine Kuh nach der anderen starb.
So mancher Hirte fühlte nachts etwas Kaltes an seinen Beinen hochkriechen, aber für einen Hilfeschrei war es da schon zu spät.
Was man auch versuchte, um die Schlangen zu vertreiben, es half nichts.
Schliesslich machten sich zwei Männer auf den Weg nach La Valsainte, um die Kartäuser um Hilfe zu bitten.
Als sie dort ankamen, war es schon tiefe Nacht, und die Mönche wollten gerade ihre Mitternachtsmesse abzuhalten. Eingehüllt in ihre weissen Mönchsroben, die Kapuzen auf dem Kopf, gingen sie schweigend an den beiden Bittstellern vorbei. Da rief der eine: «Habt Erbarmen und helft uns, die Schlangen des Teufels zu vertreiben!»
Der Prior blieb stehen und sagte zu seinen Klosterbrüdern: «Betet hier, bis ihr das Angelusläuten hört. Ich gehe mit den beiden Hirten, um ihnen beizustehen.»
Der Prior nahm seine Stola, ein Kreuz und seinen Stab und machte sich mit den Männern auf den Weg. Im Morgengrauen kamen sie auf der Alp an. Die Hirten zeigten zu einem Teich und sagten: «Seht, dort versammeln sich die Schlangen!»
Der Prior ging langsam auf die Schlangen zu, hielt die Reliquie vor sich und machte das Kreuzzeichen in der Luft, während er sprach: «Herr Jesus, gib, dass diese Weide von der Seuche befreit wird, die sie heimsucht!»
Die Schlangen begannen sich zu winden, sie zischten und hoben ihre Köpfe. Gleichzeitig zogen sich dunkle Wolken am Himmel zusammen.
Der Prior machte ein zweites Mal das Zeichen des Kreuzes und rief: «Alle Bösen Geister sollen verschwinden!»
Die Schlangen wichen langsam zurück, während ein Sturm aufzog, als wollte er die Worte des Mönches über das ganze Land tragen.
Immer näher trat der Prior auf die Schlangen zu. Er küsste das Kreuz, stampfte mit dem Fuss fest auf den Felsen und rief: «Geht für immer!»
Während am Himmel ein Gewitter begann, wälzten sich die Schlangen in grossen Haufen auf den Felsen zu, bis sie unter Blitz und Donner in die Tiefe Richtung Schwarzsee stürzten.
Kurz darauf zeigte sich über der Kaiseregg ein Regenbogen. Die Wolken verzogen sich und die Sonne erleuchtete die Berge.
So wurde die Alpen von der Schlangenplage befreit und die Hirten brachten zum Dank jedes Jahr Rahm und Käse ins Kloster La Valsainte. Oben in den Bergen soll bis heute der Fussabdruck des Mönches zu sehen sein, dort, wo er die Plage in den Abgrund trieb.
Neu erzählt von Djamila Jaenike, nach: «Le pas de moine», in: J. Genoud, Légendes Fribourgeoises, Fribourg 1892. Eingelesen und aus dem Französischen übersetzt von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch