Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Tovilaya in einem Kürbis

Land: Sri Lanka
Kategorie: Schwank

In einer grossen Familie war die Mutter war krank geworden. Sie lag seit vielen Tagen auf ihrem Bett und war zu schwach, um aufzustehen. Alle im Haus warteten darauf, dass es der Mutter bald wieder besser ginge, denn die ganze Hausarbeit blieb unerledigt. Sie warteten und beteten, doch die Mutter war immer noch krank. Sie opferten den Hausgöttern, doch die arme Frau lag immer noch mit hohem Fieber im Bett und stiess seltsame Laute aus. Da beschloss die Familie einen Dämonenpriester kommen zu lassen, damit dieser die Krankheit bannen konnte.

Der Dämonenpriester erkannte sogleich, dass die Mutter von einem Geist besessen war. «Ihr müsst ein Tovilaya, eine Maskenzeremonie durchführen, damit die Teufelstänze den Geist vertreiben.»

Nun konnte man ein Tovilaya nicht unbemerkt machen. Jeder im Dorf würde sogleich wissen, dass die Mutter von einem Geist besessen war und man müsste sie auch noch alle bewirten.

«Lasst uns ein heimliches Tovilaya machen, so dass niemand etwas davon bemerkt.»

«Wie soll das gehen?», fragten die anderen, «Die Trommeln und die Tänzer wird man im ganzen Dorf hören!»

«Hört gut zu», meinte der Hausherr, «in meinem Garten wächst ein riesiger Kürbis. Wir könnten ihn aushöhlen und das Tovilaya im Kürbis durchführen.» Die anderen waren einverstanden und machten sich sofort an die Arbeit. Sie höhlten den Kürbis aus, bauten in der Mitte einen Tanzplatz und statteten ihn mit allem aus, was man für ein Tovilaya braucht.

Am nächsten Abend kam der Dämonenpriester mit den Tänzern und Trommlern. Sie alle verschwanden in dem Kürbis. Dann betrat der Hausherr den Kürbis und seine kranke Frau wurde hereingetragen.  Daraufhin wurde der Kürbis fest verschlossen und die anderen gingen ins Haus zurück, sie wussten ja, dass ein Tovilaya die ganze Nacht dauert.

Die Trommler begannen und die Maskentänzer tanzten, als es auf einmal anfing zu regnen. Ein schreckliches Gewitter tobte am Himmel und es regnete so, wie es das Dorf noch nie erlebt hatte.

Die Gesellschaft im Kürbis aber merkte nichts davon, zu laut waren die Trommeln und die Dämonentänze.

Mittlerweile war der ganze Garten überflutet und niemand merkte, dass der Kürbis langsam vom Wasser davongetragen wurde. Der Kürbis schwamm, durch das Dorf, über die Felder bis zum Fluss, von dort bis ins Meer und bald war er nicht mehr zu sehen.

Als die Familie am nächsten Morgen nach dem Kürbis schauen wollte, war er verschwunden.

«Bestimmt ist ein Dämon gekommen und hat alle verschlungen», riefen sie und begannen zu jammern und zu weinen. Dann machten sie sich auf die Suche nach dem Kürbis, doch dieser war wie vom Erdboden verschluckt. «Wir werden den Vater und die Mutter nie wieder sehen!», riefen sie und rissen sich vor Schmerz die Haare aus.

Sechs Tage waren seit dem Verschwinden des Kürbisses vergangen und man begann das traditionelle Almosenessen zum Gedenken für die Verstorbenen zuzubereiten. Die Frauen richteten das Haus her und die Männer gingen zum Markt und kauften einen grossen Fisch, den grössten, den sie finden konnten. Sie trugen ihn in die Küche, wo die Frauen schon darauf warteten, ihn zuzubereiten. Sie öffneten den Bauch des Fisches, als sie auf einmal laut schrien. Alle kamen in die Küche gelaufen und blieben mit offenem Mund stehen: Aus dem Bauch des Fisches kam die ganze Gesellschaft vom Tovilaya. Die Trommler und Tänzer, der Dämonenpriester und zuletzt der Hausherr mit seiner Frau, die war wieder ganz gesund.

Da freuten sich alle und liefen ins Dorf, um die gute Nachricht zu verbreiten. So habe ich es gehört und ihr wisst es jetzt auch.

Märchen aus Sri Lanka

Fassung Djamila Jaenike, aus: Pflanzenmärchen aus aller Welt © Mutabor Verlag