Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Warum der Schnee dem Schneeglöckchen nicht schadet

Land: Mazedonien

Am Anfang der Zeit bekamen alle Dinge ihre Farbe. Die Erde war braun, das Gras grün, die Rose rot, der Himmel blau und die Sonne golden. Nur für den Schnee war keine Farbe übriggeblieben. Da beschloss er, die anderen zu bitten, ihm etwas Farbe abzugeben.

Zuerst ging er zur Erde. "Gib mir ein wenig von deiner braunen Farbe!" bat er. Die Erde aber schlief und antwortete nicht.

Da ging der Schnee zum Gras. "Gras, gib mir ein wenig von deiner grünen Farbe!"

Das Gras jedoch tat, als höre es ihn nicht und gab keine Antwort.

Da ging der Schnee zur Rose und fragte: "Bitte gib mir ein wenig von deiner roten Farbe!" Aber die Rose tat, als sehe sie ihn nicht und gab keine Antwort

 Jetzt fragte der Schnee den Himmel: "Bitte gib mir ein wenig von deiner blauen Farbe".

Der Himmel aber war so weit fort, dass er ihn nicht hörte.

«Liebe Sonne», rief er jetzt, «bitte gib mir ein wenig von deiner goldenen Farbe»

 Aber die Sonne ging gerade unter und hatte keine Zeit mehr zu antworten.

Traurig zog der Schnee weiter. Am Waldrand traf er ein kleines Blümchen mit weissen Blüten. Der Schnee fragte: «Kannst du mir ein wenig von deiner weissen Farbe geben?»

Das Blümchen nickte freundlich und teilte mit dem Schnee seine weisse Farbe.

Seither ist der Schnee weiss, und er verschont das kleine weisse Blümchen, das ihm von seiner Farbe gegeben hat. Die Menschen nennen es Schneeglöckchen.

Fassung D. Jaenike, nach: J.Vladislav, Warum die Bäume nicht mehr sprechen können, Prag 1976, © Mutabor

Nord-Mazedonien ist ein Binnenstaat auf der Balkanhalbinsel in Südosteuropa. 1991 rief die jugoslawische Teilrepublik ihre Unabhängigkeit aus, es folgten bürgerkriegsähnliche Zustände sowie wirtschaftliche und soziale Probleme mit grossen Auswanderungswellen. Die politische Krise zwischen 2015 und 2017 führte zur zeitweisen Evakuierung von Teilen des Landes. Bis heute verlassen jährlich 10% der Bevölkerung das Land aufgrund von Korruption und Perspektivlosigkeit.