Brot schützt gegen Hexenmacht
Es ist schon eine ganze Weile her, als zwei junge Männer aus Schattdorf gemeinsam unterwegs waren. Auf ihrem Weg kamen sie an einem kleinen Bauernhaus vorbei. Dort schaute ein altes Mütterchen neugierig aus einem Fenster. Die alte Frau trug die traditionelle Haube mit dem Käppli.
«Was muss die jetzt sehen, wo wir hingehen!», murrte einer der Männer.
«Ja, als hätte sie uns abgepasst!», schimpfte der andere. Er hob einen kleinen Stein auf, zielte genau und traf die Haube der Alten, dass sie ihr vom Kopf fiel.
Die beiden jungen Männer amüsierten sich köstlich, und lachend wanderten sie weiter.
Es war schon spät, als die beiden auf dem Rückweg wieder an dem Bauernhaus vorbeikamen. Der eine hatte frische Nidel geholt, der andere Brot. Doch dieses Mal stand die alte Frau an der Hausecke und wartete auf die beiden.
«Was schaust du so?», fragte der eine und begann, die Alte mit den Schultern zu schubsen. Aber das Mütterchen liess sich nicht so leicht umstossen. Da legte der junge Mann den Brotsack beiseite und wollte die Alte mit beiden Armen zu Boden werfen. In diesem Augenblick packte das alte Grossmütterchen den Mann mit einem einzigen Griff und warf ihn über die Mauer auf den Innenhof. Dann rief sie ihm zu: «Hättest du nicht noch einen Krümel Brot bei dir gehabt, hätte ich aus dir Staub und Asche gemacht!»
Verschämt rappelte sich der junge Mann auf und machte, dass er zusammen mit seinem Freund davonkam. Von diesem Tag an aber lachten sie nie mehr über die alten Frauen im Dorf. Im Wirtshaus aber sagten sie: «Das ist eine Hexe. Nur die Brotkrümel haben mich vor ihrer Macht geschützt.»
Fassung Djamila Jaenike, nach: J. Müller, Sagen aus Uri, Band 2, Basel 1929 ©Mutabor Verlag