Das Gemskäslein
In der Trockenhöhle oberhalb Camana in Safien hauste vor Zeiten ein Fänggenmannli. Es hatte dort eine recht hübsche Gemsenkäserei sich eingerichtet. Zweihundert der schönsten Gemslein weideten ihm an den Bergen; die hatte es selbst gezähmt, so dass sie morgens und abends von selbst in die Höhle kamen und sich melken liessen.
Ein armes einäugiges Büblein des Tales, das den Bauern die Geissen hütete, fand einmal die Höhle, und fortan suchte es bei schlechtem Wetter darin Obdach, und obendrein gab’s dort gar gute Speise. Denn das Fänggenmannli fand Gefallen an dem Kind und gab ihm von seinen Käslein zu essen, soviel es nur wollte. So süss seien die Gemskäslein, dass sie einem im Munde zergehen, sagte der Bub einmal seinem grossen Bruder. Der wollte aber gleich wissen, wie diese denn bereitet würden. « Das weiss das wilde Mannli allein, und es ist sein Geheimnis», antwortete das Hirtli, «allemal, wenn das Käsen angeht, muss ich unter einen Haufen Heidekraut mich verkriechen, und dann singt das Mannli: Einäuglein, schlaf ein! Und wach ich wieder auf, so ist das Käslein jedesmal bereits fertig.»
Aber der Bruder war bös und hinterlistig, und als er dies vernommen, zwang er den Buben, mit ihm die Kleider zu tauschen, und ging darauf, mit dem Gewändlein des Bruders angetan, selbst in die Höhle des wilden Mannlis und setzte sich aufs Heidekraut im Winkel.
In der Höhle sah es recht sauber aus: frisches Heidekraut lag auf dem Boden ausgebreitet, ringsum auf einem Steingesims standen kleine Gebsen aus Tannenholz, die mit Gemsenmilch angefüllt waren. Aber Kessel und Herd waren nirgends zu sehen.
Das wilde Mannli hielt den Buben für sein liebes Einäuglein und hiess ihn wie gewohnt unter das Heidekraut kriechen und sang: «Einäuglein, schlaf ein!» Der schlaue Schelm aber schloss das eine Auge zu und guckte mit dem andern scharf unter dem Heidekraut hervor, damit er das Mannli belaure bei seinem Tun. Als aber das Mannli das offene Auge gewahr wurde, da merkte es den Trug, und es geriet gar sehr in Zorn und warf die Gebsen mitsamt der Milch dem Buben an den Kopf. Dann verliess es mit seinen Gemsen die Höhle und ward nie mehr gesehen.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch