Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das starke Männlein

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Sage

Da war einmal in Rickenbach ein Bursche, ein bäumig starker Kerl. Der trieb es so toll mit allerlei Streichen und Stössen, dass selbst die stärksten Männer fürchteten, ihm allein auf der Strasse zu begegnen. Er fragte keinem Menschen etwas danach, tat nur, was ihn gelüstete, trieb sich ganze Nächte lang umher und verübte Unfug und Schandwerk, wohin er kam. So ging er einmal beim ersten Tagesgrau durch einen Wald. Vor ihm her hötterlete ein Männlein, so gross wie ein Wetzsteinfutter, mit Waden wie Botzenbirrlein. Der Bursche rief ihm zu: «Gleich geh aus dem Weg, oder du spürst meinen Schuh!» Das Männlein ging nicht einen Schritt schneller. Wiederum rief der Bursche: «Fort aus dem Weg, oder ich spicke dich mit dem Schuh über Stock und Strauch.» Aber das Männlein wandte kaum den Kopf und sagte über die Achsel: «Komm nur, wenn du Lust hast, so wollen wir’s miteinander probieren!» - «Ei, was du nicht sagst!» rief der Bursche und lachte, «du wärst grad der Rechte!» Aber noch war das Wort nicht gesagt, da hatte sich das Männlein blitzgeschwind umgekehrt, den Burschen gepackt und überschlagen, dass es ihm alle Glieder verdrehte und brach und selbst die Rippen entzwei schlug, und das Blut schoss ihm gutschweise aus Mund und Nase. Stöhnend blieb er im Kot liegen, bis zwei Knechte des Weges kamen und ihm forthalfen Lange lag er siech danieder, nach und nach genas er aber wieder so weit, dass er an Krücken gehen konnte. Fortan zog er als Krüppel im Lande umher und bat allenthalben um Almosen für ein Vergeltsgott.

Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch