Das Geheimnis des Bergmännleins
Auf einer Alp kam eines Morgens ein Wildmannli von den Gräten zur Hütte herunter und half dem Sennen den ganzen Sommer ungeheissen bei der Arbeit. Es molk die Kühe, trug den Mist aus, reinigte das Vieh und trieb es auf die Weide. Der Senn hatte Freude an dem kleinen Knecht und tat ihm zuliebe, was er nur konnte. Allemal, wenn das Mannli von der Weide zurückkam, stellte er ihm einen grossen Napf Rahmmus auf, und das ass der Wicht mit solcher Lust, dass ihm das Schmalz von den Lefzen troff. Und auch das Mannli war dem Sennen zugetan.
Als es gegen den Herbst ging, da man zu Tal fahren sollte, sprach das Mannli: «Heut lass mich einmal käsen, schau mir zu, aber sprich kein Wort, bis ich fertig bin.» Der Senn liess das Mannli machen, sass auf einen Melkstuhl und schaute ihm zu. Das Mannli machte alles nach der Ordnung und zuletzt, als es nach der Meinung des Sennen fertig war, stellte es den Kessel mit Schotte wieder über das Feuer und schickte sich an, von neuem zu hantieren. Der Senn fing an zu lachen und sprach: «Ei der tausend, willst du am End gar aus der Schotte noch einmal käsen?» Da legte das Männlein die Kelle beiseite und sagte:
«Wenn d nüt weisst,
so seist,
I us der Schotte meh Anke gmacht, As du usem Nidel use bracht.»
Und eilte fort und liess sich nie wieder sehen. Hätte der Senne still geschwiegen, dann hätte das Männlein ihm gezeigt, wie man aus der Schotte Gold machen kann.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch