Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Fänggin und der Jäger

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Ein Jäger, der den ganzen Tag in den Bergen gejagt hatte, kam spät abends todmüde mit einer fetten Gemse auf dem Rücken zu einer leeren Sennhütte. Er beschloss, darin zu übernachten, und legte seine Beute aufs Dach und ging in die Hütte. Dort machte er ein Feuer an, wärmte sich und bereitete die Abendkost. Da hörte er plötzlich jemand vor dem Hause jammern:

«Da liegt unsere schöne Kuh, sie ist tot, ja tot.»

Gleich darauf trat ein feines Weib in die Hütte, so schön, wie er noch keines gesehen, und sprach: «Du hast uns eine Kuh getötet. Drum zerfetz’ ich dich zu Staub und Flaub.» Der Jäger, ein furchtloser Mann, besann sich nicht lange und sagte: «Und ich schiess dich tot.» Da ward der Fänggin denn doch bang, und sie sprach: «Diesmal will ich dir noch kein Leid tun, aber wenn du noch einmal eine unserer Kühe tötest, dann wehe dir! Doch komm mit in den Stall, da kannst du sehen, wo die Kuh fehlt.» Der Schütze folgte der Fänggin und ging mit ihr. Sie führte ihn in eine Höhle unter der Erde. Da waren ringsum an den Wänden goldene Krippen angebracht. An jeder hing mit einer Silberkette eine Gemse. Nur ein Barren war leer. «Siehst du», sprach die Fänggin, «die leere Krippe dort? Hier hast du uns eine Kuh herausgeschossen. Jetzt geh nach Hause und tu unsern Kühen kein Leid mehr, wenn dir dein Leben lieb ist.» Der Jäger ging aus der Höhle und hat nie mehr eine Gemse geschossen.

Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch