Die Schöne mit den goldenen Zöpfen
Es lebten einmal ein König und eine Königin, die hatten drei Söhne, und der älteste hiess Sepp. Den hatten sie in ein fernes Land auf die hohe Schule geschickt, damit er da alle Weisheit und Kunst lerne, deren ein König bedarf, denn Sepp sollte dereinst das Reich zu Erb und Eigen bekommen und König werden. Und als er nun nach vielen Jahren zurückkam, da ward zu seinen Ehren ein grosses Fest gefeiert, und das ganze Volk war auf den Beinen, um ihn gehörig zu empfangen.
Da drängte sich auch ein uraltes buckliges Hutzelweiblein durch die Menge, die bei Hofe sich versammelt hatte. Über die schiefe Schulter trug es ein Säcklein voller Brotbrocken, die von des Königs Tafel gefallen waren. Aber so klein und krumm war die arme Alte, dass kaum einer in der Menge sie wahrnahm, und unversehens wurde sie umgestossen. Das Säcklein fiel auf den Boden, der Knoten ging auf und die Brotbrocken rollten aufs Pflaster. Da schnitt die Alte ein so jämmerliches Gesicht, dass Prinz Sepp, der eben dazukam, das Lachen nicht verhalten konnte. Erbost kehrte die Alte sich dem Jüngling zu, schüttelte ihre dürren Fäuste und schrie: «Du sollst nicht Rast noch Ruh mehr haben, bis du die Schöne mit den goldenen Zöpfen gefunden hast!»
Der Königssohn und die anderen Leute hörten ihre Worte wohl, aber niemand kümmerte sich im Trubel des Festes weiter darum. Aber seit jener Stunde fand Sepp weder Freude noch Frieden mehr und ward trauriger und trübseliger mit jedem Tage. Schliesslich ging er zum König und sagte: «Lieber Vater, gib mir dein schnellstes Pferd, denn ich will ausziehn, um die Schöne mit den goldenen Zöpfen zu suchen.» Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: «Mein Sohn, das schlag dir aus dem Sinn. Die Schöne mit den goldenen Zöpfen hat noch keiner gefunden. Und keiner, der auszog, ist wiedergekommen!» Aber Sepp bat und bettelte und liess nicht ab. bis er ihm zuletzt seinen Willen tat; er gab ihm sein schnellstes Pferd und hiess ihn ziehen.
So ging denn Sepp von Hause fort und ohne Aufenthalt ritt er mitten durch grosse Wälder, Baum an Baum, über Berg und Tal und durch weite Einöden. Endlich sah er eines Abends, als es schon finster geworden war, in der Ferne einen Lichtschein schimmern. Er ritt drauf zu und kam nach einer Weile zu einer Hütte aus rohen Baumstämmen. Er pochte an die Tür, und ein alter Mann, dem ein milchweisser Bart bis an den Gürtel ging, trat heraus und hiess ihn freundlich willkommen und führte ihn hinein. Dort bot er ihm einen Stuhl zu seiner Seite und stellte ihm ein Nachtmahl auf. «Heut Nacht», sprach er, «schläfst du hier bei mir in dieser Hütte und ruhest dich gut aus, denn du bist recht müde. deucht mich.» «Von Herzen dank ich euch, frommer Vater, für euer Anerbieten», antwortete Sepp «und gerne will ich diese Nacht bei euch bleiben. Aber da ich nun einmal hier bin, so will ich euch fragen, ob ihr vielleicht wisst, wo die Schöne mit den goldenen Zöpfen wohnt. Da sagte der Alte: «Ich bin schon alt, aber von der Schönen mit den goldenen Zöpfen hab ich noch nie etwas gehört. Doch habe ich einen Bruder, der ist älter als ich. Aber er wohnt weit weg von hier, hinter den sieben Bergen. Vielleicht, dass er es weiss!»
Am anderen Morgen früh bei Tag machte Sepp sich auf und ging in der Richtung, die ihm der gute Klausner gewiesen. Als er eine Weile fortgegangen war, begegnete ihm ein altes Hutzelweiblein. Das kicherte: «Ei, ei, mein schöner Prinz, ihr kennt mich wohl nicht wieder!» Da sah Sepp, dass es jene Alte war, die dazumal die Verwünschung gegen ihn ausgesprochen hatte. Aber jetzt ritt sie auf einem flotten feurigen Renner, und vom Sattelknauf hing ein prächtiges Schwert. «Kommt nur her, mein schöner Prinz, und gebt mir euer Pferd und euren Degen», sprach die Alte weiter, «so geb ich euch mein Pferd und mein Schwert. Merkt auf, wen immer ihr mit diesem Schwert berührt, der fällt auf der Stelle tot zur Erde. Und wen ihr alsdann zum zweiten Mal berührt, der wird auf der Stelle wieder lebendig aufstehen. Und dieses Pferd hier, das rennt so schnell wie der Wind.» Vor Staunen brachte der Jüngling kein Wort hervor, er nickte bloss mit dem Kopf zum Zeichen, dass er willens sei, den Tausch zu machen. Und da war die Alte auch schon verschwunden.
Sepp gab dem Rosse einen Hieb mit der Peitsche, und es sprengte davon wie der Blitz; und fort gings in sausendem Ritt über die sieben Berge, so dass ihm die Locken im Winde flogen, und schon war er zu der Hütte des anderen Klausners gekommen. Er hielt an und pochte an die Tür. Ein altehrwürdiger Mann trat heraus, dem der schneeweisse Bart bis an die Knie ging. Der hiess ihn freundlich eintreten und Vorlieb nehmen mit dem, was er zu essen habe. Dann fragte er ihn nach seinem Begehr. «Ach, guter Vater», antwortete der Königssohn, könntet ihr mir nicht sagen, wo die Schöne mit den goldenen Zöpfen wohnt?» «Ja wahrlich, ich bin alt, sehr alt», erwiderte der Klausner, «und doch hab ich noch nie von der Schönen mit den goldenen Zöpfen reden hören. Doch habe ich einen Bruder, der ist noch älter als ich. Aber der wohnt weit weg von hier, dort hinter den sieben Bergen. Vielleicht, dass er es weiss.»
Sepp dankte dem Alten, bestieg alsbald wieder sein Pferd und sprengte in Windeseile davon, und im Handkehrum war er bei der Klause des dritten Waldbruders angelangt. Er pochte an die Türe und alsbald schaute ein uralter Mann heraus; sein Bart, weisser als Kirschenblust, hing ihm bis zu dem Füssen herab. «Was wollt ihr hier, schöner Jüngling?» fragte er freundlich. Und jener antwortete: «Ehrwürdiger Vater, ich bin gekommen, um euch zu fragen, ob ihr wisst, wo die Schöne mit den goldenen Zöpfen wohnt.» «Ich bin zwar alt, uralt, aber noch nie habe ich von der Schönen mit den goldenen Zöpfen reden hören», sagte der Alte. «Doch habe ich einen Sohn. der heisst der Wind, und der ist weitum befahren in der Welt. Vielleicht, dass der sie wo gesehen hat. Gedulde dich ein Weilchen, er wird bald kommen.»
Sepp setzte sich hin, um den Wind zu erwarten. Und siehe, da brauste und sauste es aufs Mal in den Bäumen, so dass alles Laub rauschte, und wie auf Adlers Flügeln kam ein schöner Jüngling geflogen. «Hast du wohl auf deiner Wanderung in der weiten Welt die Schöne mit den goldenen Zöpfen gesehen?» fragte Sepp. «Ja», erwiderte der Wind, «und morgen gehe ich just wieder einmal zu ihr, um ihr die Wäsche zu trocknen. Aber merkt wohl: früh vor Tag stehe ich auf und dreimal rufe ich, dann reise ich, auch wenn ihr's nicht hört, von diesem Orte fort!»
Sepp tat die Nacht schier kein Auge zu, um ja nicht die Zeit des Aufbruchs zu verschlafen, und am Morgen in aller Frühe folgte er dem Wind, und sein Renner musste mächtig ausgreifen, um mit dem Winde Schritt zu halten. Und kaum aufgebrochen, standen sie schon vor dem Schloss der Schönen mit den goldenen Zöpfen. Der Königssohn lief rings um das ganze Gebäude herum, aber nirgends waren Türen oder Fenster zu sehen. In dem grossen grünen Garten standen da und dort weisse Marmorbilder in allerlei Stellungen und Gebärden. Als er an einem dieser Steinbilder vorüberstreifte, ward es von der Spitze seines Schwertes berührt. Und - siehe da: ein schöner Jüngling stand vor ihm.
Der erzählte Sepp, dass auch er ein Königssohn sei, und alle jene Steinbilder, die im Garten stünden, seien gleichfalls mutige Jünglinge, die vordem hieher gekommen wären, um die Schöne mit den goldenen Zöpfen zu freien. Aber das böse Zauberweib, welches sie hüte, habe sie alle in Stein verwandelt, so wie ein jeder gerade gestanden oder gegangen sei. Da berührte Sepp auch alle die andern Steinbilder und gab ihnen ihre wahre Gestalt wieder. Die Erlösten zeigten ihm einen schmalen Spalt in der Mauer. «Dies ist der Eingang in das Schloss der Schönen mit den goldenen Zöpfen!» sagten sie. «Doch bitten wir dich, geh nicht hinein, denn hinter der Mauer stehen zwei gewaltige Riesen, die lassen niemand durch.» Sepp aber hörte nicht auf ihre Worte und ging hinein. Und wie die beiden Riesen auf ihn losstürzten, da berührte er sie mit der Spitze seines Schwertes, und auf der Stelle fielen sie tot zu Boden.
Dann ging er ins Schloss hinauf und schritt von Saal zu Saal, und der eine war prächtiger als der andere - bis er in eine grosse Halle kam, die ganz von Gold und Edelsteinen strahlte. Da sass die Schöne mit den goldenen Zöpfen auf einem goldenen Thron. Wie sie den Jüngling erblickte, sprach sie: «Wie in aller Welt bist du hierhergekommen? Seit vielen, vielen Jahren bist du der Erste, dem es gelungen ist. Aber komm schnell, dass ich dich verberge, ehe das Zauberweib kommt, denn wenn sie dich hier erblickt, ist es um dich und mich geschehen. Sie verschlingt dich wie ein hungriger Hund seinen Frass.» Und kaum hatte sie Sepp in einer Nische hinter einem Umhang versteckt, als schon die Zauberin kam. Sie muffelte und schnüffelte, rümpfte die Nase und kreischte: «Ich schmeck, ich schmeck einen Christenmenschen! Hol ihn nur hervor aus seinem Versteck, Schätzlein! Der soll mir munden!» Die Schöne mit den goldenen Zöpfen schlug vor Angst die Arme vor dem Gesicht zusammen und weinte, dass ihr Prachtsgewand ganz von Tränen nass ward. «He nun, he nun, Schätzlein», rief da die Alte, «hör und merke wohl, was ich dir sage. Wenn du vermagst, den Tisch also zu decken, dass er den Boden nicht berührt, und die Schüsseln, Teller und Becher das Tischtuch nicht berühren, und doch nichts dazwischen ist, dann will ich den schönen Jungen dahinten verschonen; sonst verzehr ich ihn, so wie er ist als Leckerbissen zum Abendessen!» Damit humpelte sie mummelnd und brummelnd davon.
Die Schöne mit den goldenen Zöpfen holte Sepp gleich aus seinem Versteck hervor und sagte: «Weisst du, was wir tun müssen? Komm, wir wollen fliehen, so schnell wir können!» und sie nahm drei Dinge: einen Stein, eine Blume und eine Wasserflasche. Und dann eilten die beiden davon, so schnell ihre Füsse sie trugen. Nach einer Weile, als sie glaubten nun wären sie weit genug gekommen, hielten sie an und setzten sich unter einen Baum in den Schatten, um ein wenig auszuruhen.
Unterdessen war die böse Zauberin zurückgekommen, um nachzusehen, ob der Tisch so gedeckt sei, wie sie befohlen. Aber, als sie niemand mehr fand, da kreischte und stampfte sie vor Wut und gebot zweien von ihren Knechten, den Flüchtlingen ungesäumt nachzusetzen. Die Knechte machten sich stehenden Fusses auf den Weg, und unlang, so hatten sie die beiden schier eingeholt. Wie die Schöne mit den goldenen Zöpfen sie kommen sah, da sagte sie: «Jetzt werf' ich diesen Stein dorthin, und mache mich zu einer Kirche und du wirst der Küster!» Sie schleuderte den Stein hinter sich auf den Weg, und siehe, da erhob sich auf der Stelle eine schöne Kirche mitsamt dem Glockenturm, und Sepp stellte sich als Sigrist an die Türe, und tat, als erwarte er das Kirchenvolk. Die Knechte kamen eiligst herangelaufen und fragten: «Sagt, guter Mann, habt ihr hier einen Jüngling und ein Mädchen vorübergehen sehen?» «Ich hab's schon gesagt, ich habe bereits das erste Mal zur Messe geläutet, und jetzt geh ich eben und tu's zum andern Mal. Möchten die Herren vielleicht die Messe hören?» «Troll dich fort, du Tölpel, mitsamt deinen Messen!» riefen die Knechte ärgerlich, kehrten um und gingen heim.
Die Zauberin rollte die Augen und fletschte die Zähne vor Zorn, und schickte gleich zwei andere Knechte aus. Sepp aber und die Schöne mit den goldenen Zöpfen hatten sich derweilen längst wieder in ihre wahre Gestalt zurückverwandelt und waren weitergelaufen. Kaum aber hatten sie sich auf einen grasigen Bühl gesetzt, um ein wenig auszuruhen, als sie die beiden Knechte auch schon kommen sahen. Da sagte die Schöne mit den goldenen Zöpfen: «Jetzt werf' ich diese Blume dorthin und mache mich zum Garten und du wirst der Gärtner.» Und wie gesagt, so getan. Als nun die Knechte gelaufen kamen, fragten sie den Gärtner, der eben am Gatter stand: «Sag, guter Bursche, hast du hier einen Jüngling und ein Mädchen vorübergehen sehen?» «Ich hab's schon gesagt», erwiderte er, «jetzt werden dann der Salat und die Zwiebeln bald gross sein, und heut säe ich noch Petersilie an. Möchten die Herren vielleicht meinen Garten beschauen?» «Scher dich zum Teufel samt deinen Kohlköpfen und Krautstengeln!» riefen die Knechte ärgerlich, kehrten um und gingen heim.
Die Zauberin spie Gift und Galle in gelber Wut und kreischte: «Ihr Tölpel, saht ihr denn nicht, dass die Jungfer der Garten und der Bursche der Gärtner war!» Und damit machte sie sich selber auf die Socken um sie zurückzuholen, ehe sie ihrer Reichweite entrückt wären. Sepp und die Schöne mit den goldenen Zöpfen liefen noch immerzu, als sie aufs Mal inne wurden, dass die Hexe ihnen auf den Fersen war. Da warf die Schöne mit den goldenen Zöpfen die Wasserflasche hinter sich auf den Boden und auf der Stelle war da ein See, und in dem See tummelte sich ein Aal. Die Hexe versuchte ihn mit ihren Krallen zu greifen. Aber jedes Mal, wenn sie ihn schon zu halten glaubte, glitt er ihr durch die Finger, und sie konnte ihn nicht fassen, wie sehr sie sich mühte. Schliesslich liess sie ab und schrie am ganzen Leibe schlotternd vor Wut: «So lauft denn! Aber noch habt ihr einander nicht. Es braucht ihn bloss einer küssen, wenn er heimkommt, dann wird er dich für immer vergessen!» und damit humpelte die Hexe keifend und kybend davon.
Sepp aber und die Schöne mit den goldenen Zöpfen gewannen wieder ihre Gestalt und machten sich wieder auf den Weg. Und bald gelangten sie in eine Stadt, von der es nicht mehr weit war zu des Königs Schloss. Da brachte Sepp die Schöne mit den goldenen Zöpfen in eine Herberge, wo sie warten sollte, bis er wieder käme, um sie als seine Braut in der Staatskarosse seines Vaters heimzuholen. Als Sepp heimkam, konnten sie ihn schier nicht wiedererkennen. denn sein Prinzenkleid war auf der weiten Reise ganz zerschlissen und zerrissen. Er bat alle, Vater und Mutter und Brüder, dass sie ihn ja nicht umarmten und küssten, und dann ging er in sein Schlafgemach, um von allen Mühen gehörig auszuruhen. Aber als er in tiefem Schlafe lag, kam einer seiner beiden Brüder in die Kammer und des Gebotes vergessend, küsste er ihn vor Freude darüber, dass er wieder da wäre, mitten auf den Mund
Als Sepp darnach erwachte, da hatte er alles, was ihm begegnet war, vergessen, und die Schöne mit den goldenen Zöpfen auch. Sie aber sass in der Herberge in jener Stadt und wartete vergeblich auf seine Rückkehr. Und als Tag um Tag verging und er noch immer nicht gekommen war, da ging sie hin und tat eine Schenke auf, und bald sprach man weit und breit von der schönen Schankwirtin. Einmal kehrte auch der eine von Sepps Brüdern in jener Schenke ein, und erstaunte über die Schönheit der Wirtin. Auch sie schien Gefallen an dem Jüngling zu finden, aber als er abends in ihre Kammer trat, da sagte sie: «Zieh doch die Stiefel aus, dass du mir nicht den Teppich beschmutzest.» Aber während er den einen Stiefel auszog, hatte er den andern schon wieder am Fuss. Und so ging's die ganze Nacht durch bis an den Morgen, indes die Schöne mit den goldenen Zöpfen in ihrem Bette schlief. Also behielt der Prinz seine Stiefel an und ging ärgerlich nach Hause. Er sagte aber niemandem, was ihm begegnet war.
Am andern Tage kehrte der andere Bruder von ungefähr in der Schenke der schönen Wirtin ein. Und auch er ward von ihrer Schönheit ganz bezaubert und bezeigte ihr seine Liebe. Die schöne Wirtin erwies ihm gleichermassen ihr Wohlgefallen. Aber als der Prinz am Abend in ihre Kammer kam, da sagte sie: «Schliess doch die Läden!» Aber während er den einen Laden zu tat, tat der andere sich wieder auf. Und so ging es die ganze Nacht fort, bis es tagte, indes die Schöne mit den goldenen Zöpfen in ihrem Bette schlief. Also liess der Prinz die Läden sein und ging ärgerlich nach Hause. Er sagte aber niemandem, was er erlebt hatte.
Den dritten Tag aber begab es sich, dass Prinz Sepp ebenfalls in jener Schenke einkehrte. Vor lauter Staunen liess er seinen Wein stehen und konnte kein Auge von der schönen Wirtin wenden, und als er seine Zeche zahlen sollte, da gab er ihr vor lauter Freude alle Kostbarkeiten, die er auf sich trug. Und sie lächelte ihm freundlich zu. Aber als er am Abend in ihre Kammer kam, da sagte sie: «Lösch doch die Lichter!» Auf dem Tische standen zwei Leuchter mit brennenden Kerzenstöcken. Aber allemal wenn er die eine Kerze auslöschte, zündete die andere sich wieder von selber an. Und so ging es die ganze Nacht hindurch, bis der Morgen graute, indes die Schöne mit den goldenen Zöpfen in ihrem Bette schlummerte. Also liess Sepp die Kerzen stehen und ging traurig nach Hause und erzählte seinen Brüdern, was ihm begegnet war. Die schauten einander verwundert an, und dann berichteten sie, wie es ihnen ergangen war.
Der alte König meinte, die Zeit sei gekommen, dass sein ältester Sohn sich vermähle, und er hatte ihm derweil eine Prinzessin aus einem fernen Lande ausgesucht, die seine Frau werden sollte. Und unlang, so war der Tag gekommen, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte. Zu dem Festmahl, das bei dieser Gelegenheit allem Volke gegeben ward, war auch die schöne Schankwirtin geladen. Sie kam und allen, die sie kannten, schien sie noch schöner als zuvor.
Als nun die Gäste sich erhoben, um ihre Gläser auf des Brautpaars Wohl zu leeren, da wandte sich die schöne Wirtin an den Bräutigam und sprach mit heller Stimme. «Hast du vergessen der Schönen mit den goldenen Zöpfen, die du aus dem Zauberschloss vom Bann der bösen Hexe erlöst? Hast du vergessen deines Versprechens, in deines Vaters Kutsche sie heimzuholen als deine Braut?» Da blickte der Königssohn auf und schaute ihr in die Augen - und da wars ihm, als wiche ein Nebel vor seinem Blick, und er erkannte die Schöne mit den goldenen Zöpfen wieder. Er sprang auf und unter Tränen umarmte und küsste er sie vor aller Augen. Dann sprach er zu dem alten König: «Vater, was deucht dich recht getan? - Es hatte einer einen kostbaren Schatz zu eigen, in einer Truhe wohl verwahrt. Da verlor er den Schlüssel, der zu dem Schrein gehörte. Und er liess sich einen andern Schlüssel machen. Da aber fand sich aufs Mal der alte wieder. Welchen Schlüssel soll er hinfort brauchen, den alten oder den neuen?» Der König bedachte sich eine Weile, dann sprach er: «Den alten, das deucht uns recht und billig!» Und da ward denn die Braut, die er dem Sohne ausgesucht, in ihre Heimat zurückgeschickt, und Sepp hielt am selben Tag noch Hochzeit mit der Schönen mit den goldenen Zöpfen.
Und ich, ich habe ihnen die Suppe aufgetragen und mit einer goldenen Kelle in die Teller geschöpft, dann aber haben sie mir einen Fusstritt gegeben, dass ich bis hierher geflogen bin.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch