Das Märchen vom Schuster und vom Schneider
In einem Städtlein - wo's gelegen ist, weiss ich nicht mehr - wohnten einmal ein Schuster und ein Schneider. Die hatten ihre Werkstatt im gleichen Haus und waren einander gute Gesellen. wenn auch der Schuster ein schwarzes Herz hatte und voller Tücke war, denn Schuster, sagt man, gehen gern in bösen Schuhen. Der Schneider dagegen war gutmütig und leichtsinnig, wie Schneider meist sind; denn was ein rechter Schneider ist, sagt allemal: «Es schad't nicht», wenn er die Hosen verschnitten hat, «nur neu Tuch her!»
Eines Tages sagte der muntere Schneider zu dem griesgrämigen Schuster: «Weisst du was, Bruder, wir machen unsere Bude zu, gehen fort von hier und wandern in die weite Welt und machen unser Glück anderswo. Hier in diesem Nest ist kein Fortkommen und überdies so ist mir's schon lange verleidet. Unser Werkzeug nehmen wir mit und Brot für drei Tage, damit haben wir zu essen genug.» «Nein», sagte der Schuster, «jeder nimmt sieben Brote mit, das reicht dann grad für eine Woche, und bis dahin bekommen wir schon irgendwo Arbeit.» Darauf ging er in seine Stube, packte sein Werkzeug zusammen und legte sieben Brote dazu. Der Schneider aber packte nur drei in seinen Ranzen, denn er dachte: «Drei Brote wiegen minder als sieben, und Nadel und Elle sind auch nicht schwer.» Und so machten sie sich denn miteinander auf den Weg, der Schneider und der Schuster.
Am ersten Tage ass jeder ein Brot, am zweiten Tage wiederum, und ebenso am dritten Tage. Am vierten Tage aber hatte der Schneider nichts mehr. Da sagte er zum Schuster: «Ich bitte dich, Bruder, gib mir die Hälfte von deinem Brote, ich habe nichts mehr.» Der Schuster war zwar zornig, weil jener seinen Rat nicht befolgt hatte, aber er teilte doch sein Brot mit ihm, und ebenso auch am nächsten und am übernächsten Tag. Damit aber waren alle Brote verzehrt, und sie hatten nichts mehr zu essen - und weit und breit war nur Wald und Wilde. Erschöpft sank der Schneider ins Moos. «Ach», stöhnte er, «jetzt werden wir elend Hungers sterben. Ach, wären wir nur daheim geblieben.» Der Schuster aber war fuchsteufelswild und stampfte vor Zorn, warf seinen Werkzeugkasten an die Erde, dass es klapperte und klirrte. «Ja, und alles», schrie er, «ist nur deine Schuld. Warum hast du nur drei Brote mitgenommen und nicht sieben? Jetzt will ich dir dafür tun! Du sollst mich nicht ungestraft zu Tode gebracht haben.»
Und er nahm seinen Schusterkneif und stach dem Schneider beide Augen aus und ging fluchend weiter.
Der Schneider wand sich wie ein Wurm wimmernd am Boden und schrie nach Hilfe. Schliesslich aber rappelte er sich auf und tappte des Weges weiter den ganzen Tag. Gegen Abend, als es kühl wurde, kroch er todmatt unter einen Baum und lehnte sich an den Stamm. Eben wollte er einschlafen, da hörte er, wie sich Vögel in die Zweige setzten, und einer sagte zum andern: «Heut ist eine heilige Nacht, da fällt Himmelstau auf Gras und Kraut. Wer blind ist und mit dem Tau sich die Augen wäscht, der wird wieder sehend werden.» «Und selbst wenn er keine Augäpfel mehr hätte», sagte der andere, «so wachsen ihm neue.» Wie der Schneider das hörte, wusste er sich vor Freude kaum mehr zu fassen noch zu lassen, und als der Tau fiel, bestrich er sich die Augenhöhlen mit dem Nass. Da wuchsen ihm im Nu neue helle Augäpfel, und er sah die letzten Sterne am Himmel verbleichen und den hellen Tag über dem Walde aufgehen, und bald lag Weg und Steg in der Morgensonne vor ihm. Da erst gewahrte er, dass der Baum, unter dem er die Nacht verbracht, ein alter Galgen war.
Neu gestärkt ging der Schneider weiter, dass er nach etwas Essbarem suche, was immer es sei, womit er seinen Hunger stille. Unlang kam er zu einem Bienenstock. «Ei, da hat's Honig!», dachte er und schleckte sich mit spitzer Zunge die Mundwinkel. Und schon wollte er mit der Hand hineinlangen, um eine Wabe herauszunehmen, aber da flog die Bienenkönigin auf seinen Stecken und sprach: «Lass uns unsere Waben und störe uns nicht. Es soll dein Schade nicht sein! Wir werden es dir reichlich lohnen.» Da zog der Schneider seine Hand zurück und ging weiter, indes der Hunger ihm in den Kutteln knurrte. Unlang kam er zu einem Ross, das friedlich auf einer Waldmatte weidete. Er zog das Messer. «Das will ich schlachten», sprach er zu sich selber, «und mich satt essen an seinem Fleisch.» Da aber begann das Pferd zu reden und sagte: «Lass mich leben. Es soll dein Schade nicht sein. Ich werde es dir reichlich lohnen.» Da schoppte der Schneider sein Messer wieder in den Sack und schleppte sich weiter, ob er auch, ganz hohl vor Hunger, kaum noch einen Fuss vor den andern setzen mochte.
Es war nun der neunte Tag der Wanderschaft und seit drei Tagen hatte er keinen Bissen mehr gegessen. Aber nach einer Weile stund plötzlich ein hochgebautes Schloss vor ihm mit Mauern, Wall und Graben. Die Sonne ging zur Rüste und der Pförtner wollte eben das Tor schliessen. «Haltet ein, guter Mann», rief flehentlich der Schneider, «und gebt mir ein Stück Brot, sonst sterb ich auf dem Flecke Hungers!» Der Pförtner, der ein gutes Herz hatte, brachte ihm ein Brot und einen Becher Weines dazu. Als der Schneider den ganzen Laib verzehrt hatte bis auf das letzte Bröcklein, da fragte er, ob sie im Schloss keine Arbeit für ihn hätten. Er sei ein wandernder Handwerksmann, seines Zeichens ein Schneider. Der Pförtner antwortete, er wisse es nicht, er wolle aber hineingehen und den Herrn fragen, er solle derweil hier warten. Bald kam er zurück und brachte den Bescheid, der Herr lasse sagen, wenn er ein guter Schneider sei, so gäbe es hier Arbeit genug für ihn. Der Graf wolle sich ein neues Staatskleid nähen lassen. Und so blieb denn der Schneider auf dem Schloss.
Nach einigen Tagen, siehe da kam der Schuster von ungefähr auch vor das Schloss. Und auch er erhielt Arbeit. Er sollte dem Grafen ein Paar neue Jagdstiefel anfertigen. Aber wie sperrte der Schuster Maul und Augen auf, als er den Gevatter Schneider mit heilen Augen hier bei der Arbeit erblickte. Er wagte aber nicht, ihn darüber zu befragen, und so tat er als sei zwischen ihnen alles beim Alten. Der Schneider, der sagte auch nichts, sondern nähte, ohne gross aufzuschauen, eifrig an des Grafen Rock fort, indes der Schuster sich ungesäumt hinter die Stiefel machte.
Der Graf war mit ihrer Arbeit gar wohl zufrieden; er belobte beide, den Schneider für das Kleid, den Schuster für die Stiefel, und sagte: «Ihr sollt bei mir bleiben und weitere Aufträge erhalten. In einigen Wochen werde ich Hochzeit machen, und da braucht meine Braut ein Hochzeitskleid und ein Paar neue feine Ballschuhe. Der Schuster, der noch immer einen Hass auf den Schneider hatte, wäre ihn gern losgewesen. Und da hing er heimlich zum Grafen. «Mit Verlaub, gnädiger Herr», sagte er, «hütet Euch vor dem Schneider. er ist ein Bösewicht, der hexen und zaubern kann.» Da beschied der Graf den Schneider vor sich und sagte: «So, was muss ich hören! - Du bist ein Zauberer und Hexenmeister. Für Leute solchen Schlages ist hier kein Platz. Pack auf der Stelle dein Bündel und mach, dass du fortkommst!» Da gehub der arme Schneider sich übel und fing zu jammern und zu bitten an, bis der Graf sich bewegen liess. «Nun wohl», sagte er, wenn du den versiegten Brunnen im Hof drunten wieder zum Fliessen bringst, dann darfst du bleiben, und der Schuster muss fort.» Der Schneider dachte: «Ach, wie soll ich wohl einen versiegten Brunnen wieder zum Fliessen bringen! Es ist wohl das Beste, ich gehe meiner Wege.» Aber wie er vors Tor hinauskam, stand da ein munteres Ross, das sprach: «Sitz auf, und ich trage dich dreimal ohne Halt um die Ringmauer, dann wird der Brunnen fliessen.» Der Schneider sass auf - und hin flog der Fuchs geschwind wie der Wind dreimal mit ihm ums ganze Schloss, und siehe da, ein Strahl hoch wie der höchste Baum sprang auf. Der Schneider klopfte dem Ross dankbar den Hals. Da sprach es: «Du hast mir das Leben geschenkt, als du in Not warst, drum hab ich dir heute geholfen.»
Jetzt durfte der Schneider im Schlosse bleiben und das Brautkleid nähen. Aber auch der Schuster blieb, denn er hatte die neuen Ballschuhe noch nicht fertig. Und wie zu erwarten, gefiel dem Grafen und seiner Braut das Hochzeitsgewand und die feinen Schühlein so gut, dass Schneider und Schuster alle beide zum Hochzeitsfest geladen wurden. Aber den argen Schuster stach wiederum der Böse, dass er vor den Grafen trat und sprach: «Gnädiger Herr, der Schneider ist ein abgefeimter Schurke und hat Böses wider euch im Sinn. Jagt ihn auf der Stelle fort, ehe er es ins Werk setzen kann.» Der Schneider aber beteuerte seine Unschuld bei Gott und allen Heiligen und bat und bettelte, bis der Graf schliesslich sagte: «Nun wohl, so höre: Mein Oberkoch und Zuckerbeck sagt mir eben, dass er für den Hochzeitskuchen frisch geschwungenen Honigs bedürfe. Hinten im Garten stehen neun leere Bienenkörbe. Wenn du mir die bis morgen Abend, ehe die Sonne vergeht, mit vollen Waben füllen kannst, dann darfst du bleiben, und dann muss der Schuster fort. Denn, ich merk es wohl, einer von euch beiden ist ein Spitzbub.»
Traurig stand der Schneider am nächsten Morgen auf und ging in den Garten. Der war so gross und weit, dass man gar nicht sehen konnte, wo er zu Ende war. Baum stand an Baum, und weiss wie Schnee schimmerte der Blust. «Ach», seufzte der Schneider und staunte stur in all die Pracht. «Ach, wie soll ich den Honig sammeln aus den tausend und tausend Blüten!» Da summte und surrte es, und ein Bienlein sass ihm auf den Ärmel und sprach: «Ei, guter Freund, lass den Kopf nicht hängen, sitz unter den Apfelbaum dort und lausch den Vöglein, die vor Lust und Freude jubilieren. Indes wollen wir deine Arbeit tun.» Und im selben Augenblick kam ein ganzer Bienenschwarm angebraust - es war, wie wenn eine Orgel tönte - und machte sich emsig ans Werk. Und ehe es vom Schlossturm Vesper läutete, waren alle neun Körbe voll duftender Waben. Der Schneider dankte den Bienen und machte einen tiefen Knix vor der Königin, wie die Schneider vor vornehmen Leuten zu tun pflegen, denn sie haben gar ein grosses Geschick zu solchen Sachen. Diese aber sprach: «Du hast unsern Honig geschont, als du in Not warst, drum hat mein Volk dir heute geholfen.» Und fort flog der ganze Schwarm, dass es sauste und brauste.
Als der Graf in den Garten kam und die vollen Körbe sah, sagte er: «Ich sehe, dass die guten Geister dir zur Hand gehen. Du bist ein guter Mensch und kannst deine Kunst. Du sollst bei mir im Schlosse bleiben Zeit deines Lebens und wenn Gott will, dereinst auch meinen Kindern ihre Kleider nähen. Den Schuster aber, den Schurken, den jag ich jetzt zum Teufel, denn dort, wo dieser Meister ist, gehört jener hin.» Und was er sagte, das tat er auch.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch