Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Zwiesprache mit dsem toten Bräutigam

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Region: Oberwallis
Kategorie: Sage

Ein Bursche und ein Mädchen aus Platten hatten sich lieb, mussten sich aber noch verdingen, ehe an eine Heirat zu denken war. Als sie voneinandergingen, machten sie aus, wer in der Zeit zuerst sterbe, solle sich dem andern bei der Kapelle von Platten offenbaren. Der Bursche starb, dieweil das Mädchen in Sitten als Magd diente. Nachdem es vom Tode seines Liebsten vernommen, spürte es immer wieder, wie etwas an seiner Schürze zupfe. Die Jungfrau ahnte, was das bedeutete, wagte aber nicht, nach Platten zu gehen. Vor Kummer und Leid ward sie schwermütig. Schliesslich klagte sie einem Priester ihre Not. Der riet ihr, ohne Verzug ins Heimattal zu gehen und den Toten, der sie erwarte, anzureden.

Betend nahte sie der Kapelle und gewahrte in der Abenddämmerung ihren Liebsten am vereinbarten Ort. Lange sprachen sie miteinander. Was das Mädchen vernommen, bewahrte es in seinem Herzen. Nie hat jemand ein Wörtchen davon erfahren.

Fortan ward die Jungfrau noch ernster und stiller und erzählte nur, der Geist habe ihr gesagt, es sei gut gewesen, dass sie gekommen sei, denn er habe schon lange auf sie gewartet, sonst hätte er sie umbringen müssen.

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch