Mutabor Märchenstiftung

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Die Fee von Chanteraine

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Kategorie: Sage

Viele Jahrhunderte lang wurde rund um das Dorf Le Noirmont Flachs angepflanzt und im Winter sassen die Frauen beisammen und spannen Garn, aus dem später das haltbare «mi-Laine» gewoben wurde. 

Nun wohnte nicht weit vom Étang de Chanteraine in einer Höhle beim Creux des Biches eine Fee, die die guten und fleis­sigen Spinnerinnen belohnte. Jedes Jahr in den Raunächten versammelten sich die Frauen mit ihren vollen Spinnrocken vor der Höhle und hofften auf eine Belohnung der Fee.

Im Dorf lebte auch eine junge Frau, die war so fleissig, dass sie den schönsten Faden spann. Weil sie aber so arm war und keine Brautgabe hatte, konnte sie ihren Liebsten nicht heiraten. Also spann sie vom Morgen bis zum Abend und hoffte auf die Gunst der Fee von Chanteraine.

Auch die Tochter des Burgherrn von Murival wollte gerne dabei sein, wenn die Fee die jungen Frauen belohnte. Aber zum Spinnen war sie zu faul. Sie hatte gehört, dass die arme Frau den schönsten Faden spann. 

Also ging sie zu ihr und verlangte: «Gib mir dein Garn!»

Wie hätte die arme Frau nein sagen können? So zog die Herrin mit dem schönen Garn zur Höhle der Fee von Chanteraine, und der armen Frau blieb nichts anderes übrig, als die Spindel mitzunehmen und einen neuen Faden zu spinnen.

Es war eine kalte Nacht, der Mond schien silbern auf das Wasser des Sees, als sich die Frauen mit ihren Spindeln auf den Weg zur Höhle machten. 

Die Tochter des Burgherrn liess sich das Garn zur Höhle tragen und wartete ungeduldig auf die Belohnung.

Endlich erschien die Fee und betrachtete das Garn der Frauen.
Viele waren uneben, hatten Knoten oder waren verfilzt. 

Nur das Garn in der Hand der Tochter des Burgherrn und jenes der armen Frau war so fein, wie keines sonst und die Fee sah mit einem Blick, wie zart der Faden war, den die junge Frau laufend spann.

Sie ging zur jungen Frau hin, schüttete ihr Gold in die Schürze und sprach: «Das ist deine Brautgabe, du hast dir ein glückliches Leben gesponnen!» Dann verschwand sie.

Glücklich machte sich die junge Frau auf den Heimweg und es dauerte nicht lang, da konnte sie ihren Liebsten heiraten. Es heisst, dass sie viele Kinder und ein langes, glückliches Leben hatten.

Ob die Tochter des Burgherrn das Spinnen noch lernte, wird nicht erzählt. Wenn aber am Ufer des Étang de Chanteraine ein zarter Wind weht, so trägt er die flaumigen Blüten der Gräser am Ufer mit sich, das sollen die Haare der Fee sein und wer sie findet, dem bringen sie Glück.

Fassung D. Jaenike, nach «La Fée de Chanteraine», aus: Joseph Beuret, Les plus belles Légendes du Jura Lausanne o. J. © Mutabor Verlag