Mutabor Märchenstiftung

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Das Kaninchen und der Mapurite

Land: Venezuela
Region: Guajira-Halbinsel
Kategorie: Fabel/Tiermärchen

Früher kannte sich der Mapurite, das Stinktier, mit der Heilkunst aus. Er besuchte die Kranken und brachte ihnen heilkräftige Medizin. Einmal wurde er zu einem Kranken gerufen. Der Weg war weit, und der Mapurite nahm seine Heilmittel mit.
Auf dem langen Weg traf er das Kaninchen. «Lieber Mapurite», sprach es, «wohin willst du?»
«Ich muss nach Westen zu einem Kranken. Und wohin gehst du?»
«Ich gehe nach Osten, und der Weg ist so weit. Hast du vielleicht etwas Tabak für mich?»
«Das habe ich», sagte der Mapurite, schenkte dem Kaninchen ein grosses Stück Tabak und ging weiter.
Das Kaninchen hoppelte ein Stück davon und schaute sich den Tabak an: «Oho, was für ein gutes Stück! Davon hätte ich gerne mehr.»
Schnell kehrte es um, sprang durch die Büsche und lief dem Mapurite wieder über den Weg.
Es verstellte seine Stimme und sagte: «Guten Tag, Mapurite, wohin gehst du?»
Der Mapurite war schon alt, er sah nicht mehr so gut und erkannte deshalb das Kaninchen von vorhin nicht. Er sagte: «Ich gehe nach Westen zu einem Kranken, der Schmerzen in der Lunge hat. Und du?»
«Ich muss in die andere Richtung. Aber sag, du hast nicht zufällig etwas Tabak bei dir?»
Der gutmütige Mapurite griff in seine Tasche, holte ein Stück Tabak hervor und schenkte es dem Kaninchen. Dann ging er langsam weiter.
Das Kaninchen hoppelte in die Büsche, sprang weit nach vorne und trat dem Mapurite wieder in den Weg. Es tat, als wäre es uralt und schwach, und sprach: «Guter Mapurite, wie schön, dass ich dich sehe, lieber Freund.»
Der Mapurite konnte das Kaninchen nicht genau erkennen und antwortete: «Meine Augen sind nicht mehr so gut, aber ich freue mich, dass du dich an mich erinnerst.»
«Sag mal», fragte das Kaninchen, «hast du vielleicht etwas Tabak für mich?»
Auch dieses Mal griff der Mapurite in seinen Beutel und verschenkte ein Stück Tabak.
Als er dann bei dem Kranken ankam, merkte er, dass er gar keinen heilkräftigen Tabak mehr für den Kranken hatte. Da erkannte er, dass das Kaninchen ihn hereingelegt hatte.
«Na warte!», dachte er.
Er mischte Harz, Chilischoten und noch andere scharfe Dinge, zerrieb sie im Mörser und rollte die Mischung in ein Tabakblatt ein. Dann machte er sich auf den Heimweg.
Nicht lange, da lief ihm wieder das Kaninchen über den Weg.
«Gut, dass ich dich treffe», sagte der Mapurite, «ich habe da noch etwas für dich.»
Er übergab dem Kaninchen die Zigarre und ging lächelnd davon.
Das Kaninchen wollte gleich den Tabak probieren. Aber oje! Der scharfe Rauch kitzelte in seiner Nase. Es musste andauernd niesen, seine Schnauze schwoll an und seine Nase begann zu zucken. So sehr es sich auch die Nase rieb, das Zucken hörte nicht auf.
Und so erzählen die Wayuu, dass die Nase der Kaninchen bis heute zittert, weil sie noch immer das Kitzeln des Zaubertabaks des Mapurite spüren.

Fassung D. Jaenike, nach: Ramón Paz Ipuana, Mitos, leyendas y cuentos guajiros. Caracas 1973. Unter dem Titel: „El conejo y el mapurite“. ©Mutabor Verlag

Venezuela liegt im Norden Südamerikas an der Karibikküste und reicht von den Anden bis zum Amazonasgebiet. Die meisten Menschen sprechen Spanisch; daneben werden zahlreiche indigene Sprachen gesprochen. Wirtschaftliche und politische Krisen haben das Leben vieler Menschen stark beeinträchtigt. Fast acht Millionen haben das Land verlassen auf der Suche nach Schutz und besseren Lebensbedingungen.