Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Makunaima, die Kinder der Sonne

Land: Venezuela
Region: Pemón, Gran Sabana

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Die Pemón der Gran Sabana erzählen, dass die Sonne früher ein Mensch war. Er hiess Wei und lebte allein im Wald. Dort wollte er Ocumo anpflanzen. Er fällte Bäume, bereitete den Boden vor und setzte die Knollen in die Erde. Danach ging er zum Bach, um zu trinken und zu baden. Doch auf einmal sah er sanfte Wellen auf dem Wasser, als hätte sich jemand darin verborgen. Er wartete lange, doch er konnte niemanden sehen.
Am nächsten Tag schlich er sich leise an den Bach heran und sah eine Frau, die im Wasser spielte und ihre langen Haare durch das Wasser gleiten liess.
Schnell trat Wei hervor, um sie anzusprechen. Doch die Wasserfrau tauchte unter. Da ergriff er ihre langen Haare und hielt sie fest.
«Lass mich los!», sprach sie. «Ich bin Tuenkaron, die Herrin des Wassers. Wenn du mich freilässt, schicke ich dir eine Gefährtin.»
Da liess Wei sie los und sie verschwand im Wasser.
Am nächsten Tag erschien eine Frau bei Wei. Sie war aus weissem Lehm und half ihm schweigend auf dem Feld. Dann schickte er sie zum Bach, um Wasser zu holen. Doch kaum hatte das Wasser ihre Füsse berührt, löste sich ihre Gestalt auf, bis nur noch ein Haufen weisser Lehm zurückblieb.
Wei wurde traurig und sprach zum Wasser: «Tuenkaron, das war keine gute Gefährtin.»
Am nächsten Tag erschien eine andere Frau bei Wei. Sie war aus dunklem Wachs und half ihm beim Roden im Wald. Doch als sie gemeinsam ein Feuer entfachten, begann ihr Körper zu schmelzen, bis nur noch ein Haufen Wachs übrig blieb.
Wei ging zum Wasser und rief: «Tuenkaron, das war keine gute Gefährtin. Du verspottest mich!» Und er begann wütend zu graben, um den Bach auszutrocknen.
Da erklang die Stimme Tuenkarons aus dem Wasser: «Warte noch einen Tag!»
Am nächsten Tag erschien eine dritte Frau bei Wei. Sie schimmerte rötlich wie die Steine am Bach. Sie brachte einen Kochtopf mit und fragte: «Bist du schon fertig auf dem Feld?»
Wei antwortete nicht, er dachte: «Bestimmt verschwindet auch sie wieder.»
Gemeinsam gingen sie auf das Feld und entfachten ein Feuer. Wei schickte sie zum Fluss, doch auch von dort kehrte zu ihm zurück. Sie setzte den Topf auf das Feuer, kochte Ocumo und bereitete Maniokbrot zu. 
Mit jedem Tag gewann Wei die Frau lieber, sodass er sie schliesslich bat: «Bleibe bei mir!»
«Ich muss zuerst Tuenkaron fragen», sagte die Frau. Sie ging zum Wasser, und als sie zurückkehrte, sprach sie: «Ich bleibe bei dir.»
So lebten Wei und die Frau glücklich zusammen. Sie bekamen vier Kinder: Meriwarek, Chiwadapuén, Arawadapuén und Arukadarí. Die Pemón nennen sie Makunaima und wissen bis heute viele Geschichten über sie zu erzählen

Fassung D. Jaenike, nach: Cesáreo de Armellada, Taurón Pantón. Cuentos y leyendas de los indios pemón, Caracas 1964, S. 27–31: «Leyenda de los Makunaima». © Mutabor Verlag.
 

 

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Venezuela liegt im Norden Südamerikas an der Karibikküste und reicht von den Anden bis zum Amazonasgebiet. Die meisten Menschen sprechen Spanisch; daneben werden zahlreiche indigene Sprachen gesprochen. Wirtschaftliche und politische Krisen haben das Leben vieler Menschen stark beeinträchtigt. Fast acht Millionen haben das Land verlassen auf der Suche nach Schutz und besseren Lebensbedingungen.