Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Wie die Menschen auf die Erde kamen

Land: Venezuela
Region: Warao, Orinokdelta

Vor langer Zeit, so erzählen es die Warao, lebten die Menschen in einer schönen Welt im Himmel. Schon damals waren die Menschen Jäger. Wenn sie Hunger hatten, schossen sie mit Pfeil und Bogen nach einem Vogel, denn andere Tiere gab es nicht.
Einmal war ein junger Mann auf der Jagd. Er hiess Okonorote. Er war hungrig und schoss nach einem Vogel, doch der Vogel entkam und der Pfeil ging zu Boden. Okonorote suchte den Pfeil und kam dabei zu einer tiefen Öffnung im Boden. Dort hinein war der Pfeil verschwunden. Doch als Okonorote in die Tiefe schaute, sah er, dass unten eine andere Welt war, voller Wälder und Savannen, und seltsame Tiere zogen über das Land. Er kehrte in sein Dorf zurück und erzählte von seiner Entdeckung. «Ich will diese Welt unten besuchen. Dort gibt es Tiere, die auf vier Füssen gehen.»
Sie beschlossen, aus Lianen ein langes Seil zu knüpfen. Doch viele Monate vergingen, bis es endlich lang genug war, dass das Ende bis auf die Erde reichte. Der mutige Okonorote kletterte an dem Seil hinunter auf die Erde und staunte über die wunderbare Welt, die er dort unten fand. Mit Pfeil und Bogen schoss er ein Reh. Er machte Feuer und stillte dann seinen Hunger. «Diese Nahrung reicht für viele Menschen», dachte er, «ich will davon in unsere Welt bringen.»
Doch der Weg hinauf war furchtbar anstrengend. Ganz geschwächt kam er oben an, teilte von dem Essen und erzählte, was er gesehen hatte.
«Wenn wir solche Nahrung hätten, müssten wir nicht mehr Hunger leiden», sagten die anderen. «Lasst uns auch hinabsteigen.»
Zu jener Zeit gab es noch kein Alter. Alle Menschen waren jung und stark. Mutig kletterten Männer und Frauen am Seil hinunter. Die Kinder trugen sie am Körper, bis alle sicher die Erde erreichten. Doch eine Frau fehlte, Okona-kura. Sie erwartete ein Kind und ihr Bauch war so kugelrund, dass sie nicht durch die Himmelsöffnung passte.
«Helft ihr!», riefen die Frauen, und die Männer versuchten, die Frau hinunterzuziehen, doch das Seil riss und fiel zur Erde. So blieb Okona-kura am Himmel und die Öffnung in die obere Welt blieb verschlossen. Okona-kura wurde zum Morgenstern und weist den Menschen, die nun auf der Erde alterten und starben, bis heute den Weg.


Fassung: Djamila Jaenike, nach: W. E. Roth, An Inquiry into the Animism and Folk-Lore of the Guiana Indians, 1915,  und weiteren Fassungen z. B.  J. Wilbert, Folk Literature of the Warao Indians, 1970, © Mutabor Verlag
 

Venezuela liegt im Norden Südamerikas an der Karibikküste und reicht von den Anden bis zum Amazonasgebiet. Die meisten Menschen sprechen Spanisch; daneben werden zahlreiche indigene Sprachen gesprochen. Wirtschaftliche und politische Krisen haben das Leben vieler Menschen stark beeinträchtigt. Fast acht Millionen haben das Land verlassen auf der Suche nach Schutz und besseren Lebensbedingungen.