Die Nidelgrethe
Die Nidelgrethe war eine alte wunderliche Hexe; sie besaß nur eine einzige Kuh und hatte doch immer mehr Nidel, als fünfzig von den besten Kühen zur Sommerfahrt geben. Da stach einmal der Gwunder einen Küher, der schlüpfte in den Stall und versteckte sich darin. Bald kam auch die Nidelgreth; sie stellte einen großen Gebs, in welchem ein kleines Krüglein Nidel war, vor sich hin, machte mit der Hand ein paar Zeichen darüber und murmelte:
„Herengut und Senuenzoll,
Von jeder Kuh zwei Löffel voll."
Sofort füllte sich der Gebs bis an den Rand mit dem schönsten Nidel, worauf die Alte ihn auf den Rücken nahm und den Stall verließ. Der Küher hatte sich den Spruch wohl gemerkt und lief voller Freuden nach Hause, um das einträgliche Stücklein auch zu Probiren. Aber mit zwei Löffeln nicht zufrieden, murmelte er:
„Herengut und Sennenzoll,
Von jeder Kuh zwei Kübel voll."
Da floß ihm der Nidel in solchen Strömen zu, daß bald sein Stall und Haus davon voll war und er gar elendiglich darin ersoff.
„Der thut\'s mir sein Lebtag nimmer nach," kicherte die Nidelgrethe und saß oben auf dem Dachsparren.
Bern, Quelle: Sutermeister, Otto: Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz
(Nach Kohlrusch: Schweizerisches Sagenbuch S. 208.).
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.