Die Hexe bei Strahlegg
Um Mitternacht ging ein Bursche aus Jenatz nach Strahlegg »z\'hengert.« Oberhalb dem Schlosse steht ein Heustall, wo der Bursche noch vorbeigehen musste, um an Ort und Stelle seines Wanderzieles zu gelangen. Er hörte eine Stimme, die ihn lockend auf den Heuboden rief. Er begab sich dorthin, fand und sah aber nichts, und doch erscholl bald aus dieser, bald aus jener Ecke ein helles Gelächter, worauf er endlich voll Zorn mit seinem Stocke in eine Ecke schlug, wo er die Hexe vermutete; aber gleich darauf ertönte das Gelächter aus einer andern Ecke. Lange Zeit schlug er so herum, bis ihm der Gedanke kam, mit dem Stocke in eine Ecke zu schlagen, wo er das Gespenst nicht zu treffen glaubte. Wirklich traf er dasselbe, das dann einen lauten Schrei vernehmen liess, und gleich darauf trat eine Jungfrau vor ihn mit erhobener Hand, drohend zu ihm sprechend: »Hättest du mich in Zeit von einer Stunde nicht getroffen, hätte ich dich in tausend Stücke zerrissen.«
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.