Der letzte Edle von Ramosch
Der Burgherr kam verdriesslich heim und konnte seinen Trübsinn nicht bergen. Doch schwieg er, wie immer.
Da schloss die Edelfrau eines Tages die Truhe auf und überreichte ihm die Haarflechte der Fee, und gab ihm mit sanften Worten die Freiheit, zu tun, was seinem Herzen gelüste. Das fiel dem Ritter schwer auf’s Herz. Er versprach der Frau die Fee fürderhin zu meiden, und hielt redlich Wort. Die Haarflechte liess er durch den Jäger zu der Höhle tragen und ihn dort niederlegen. Am dritten Tage darauf, zur der Zeit, als der Edelmann vordem nach der Höhle gegangen, vernahm der Torwart eine gellende, weibliche Stimme, welche ausrief, der Burgherr möge zu der Höhle kommen, sonst werde sein Stamm aussterben und sein Gut in fremde Hände fallen. Aber der Edelmann ging nicht wieder nach der Höhle im Assatal.
Da stieg die Fee in die Höhle hinab, in deren Tiefe man sie noch lange Zeit weinen hörte, und aus welcher ihre Tränen dringen, zur Stunde, wo der Geliebte zu kommen pflegte. Von dieser Zeit an ruhte aber kein Segen mehr auf der Burg. Der Ritter fiel in einer Fehde, seine Söhne starben jung an einer Krankheit, in ein und derselben Stunde, und die Edelfrau schloss ihr Leben hochbetagt, kummergebeugt, als Äbtissin zu St. Maria im Münstertal. Das schöne Erbe fiel an dieses Kloster. Aber noch heute fliessen die Tränen der Fee in der Grotte im Assatal.
Aus: D. Jecklin, Volkstümliches aus Graubünden, Zürich 1874
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.
