Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Dolmetsche-Haus

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Vor vielen Jahren stund am Fusse des Pizocelberges, zwischen Chur und Ems ein Gebäude, das »Dolmetsche-Haus« genannt. Darin wohnte ein altes Ehepaar friedlich beisammen. Sie erwarben sich ihr tägliches Brod mit der Wirtschaft, welche sie dort in jener Einsamkeit eingerichtet hatten. Wohl lebten sie da in Ruhe und Frieden, es verbreitete sich aber das Gerücht, dass diese zwei Eheleute »Unmenschen« seien, bisweilen gräuliche Schandtaten sich zu Schulden kommen liessen und dass sie Wanderer um\'s Leben brächten. Das hörte auch ihr Sohn, der seit einigen Jahren in der Fremde war; er wollte solches durchaus nicht glauben, und um sich nun davon zu überzeugen, ob es wirklich wahr sei, kehrte er in seine Heimat zurück. Am Abende, da er im elterlichen Hause ankam, gab er sich den Seinigen nicht zu erkennen; diese kannten ihn natürlich nicht. Sein Begleiter nahm aber anderswo Nachtquartier. Richtig! – in der Nacht, da der Fremdling schlief, kam das Weib in das Schlafgemach desselben und schüttete diesem siedend heisses Schmalz in den Hals. Am Morgen kam der Gefährte in\'s Haus und kündete den zwei Alten an, wen sie beherbergt hätten. Aus Gram darüber, dass sie ihren eigenen Sohn umgebracht, nahmen sich die zwei Wüteriche durch den Strick selbst das Leben. 

Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.