Blausee-Sage
Vor Zeiten sah der reizende kleine See im oberen Tal der Kander noch anders aus als heute. Sein Wasser unterschied sich nicht von anderen kleinen Berggewässern.
Es wohnte aber in der Nähe seiner Ufer ein Mägdlein, das sein Herz einem Hirtenknaben zugewandt hatte. Oft gingen die beiden in hellen Mondnächten zu dem von uralten Tannen umstandenen Alpensee, auf welchen der Knabe zum Zeitvertreib einen Kahn gesetzt hatte. Auf den silbernen Fluten verträumten sie dann freundliche Stunden ihres jungen Lebens.
Da fiel der Knabe, als er hoch in den Flühen im Seiltuche Heu einbringen wollte, über eine Felswand zu Tode. Untröstlich war von der Stunde an das Mädchen. In mitternächtlicher Stunde schlich es sich oft zum versteckten Seelein und trauerte um den Burschen.
So verwirrten sich nach und nach des Mägdleins Sinne. Umsonst war die Mahnung der Eltern, die nächtlichen Besuche aufzugeben. Eine geheimnisvolle Macht zog die Unglückliche immer wieder dorthin. Eines Morgens aber fand man Schiff und Schifferin auf des Wassers Grunde.
Von der Stunde an hatte das Seelein eine tiefblaue Farbe angenommen. Die Leute sagen, es seien die Tränen der unglücklichen Liebe und das Wasser sei ebenso blau wie die Augen des unglücklichen Mädchens es ehedem waren.
Sagen aus dem Frutigland / Quellenbändchen zur Heimatkunde von Frutigen
Fritz Bach,Frutigen
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.