Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der nächtliche Fuhrmann

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Unterhalb Malans, wo ein Weg über den durch die Wiesen schlängelnde Mühlbach gegen das Dorf führt, geht es in finstern, stürmischen Nächten unheimlich zu:

Ein wild aussehender, bleicher Mann kommt mit einem fässerbeladene Wagen, der von einem Paar elenden, struppigen Schimmeln gezogen wird, daher gefahren. Auf der über den Bach führenden Brücke macht er Halt, steigt von sei­nem Wagen herab und fängt an, die Fässer mit Wasser aus dem Bache Zu füllen. Hat er diese Arbeit beendigt, hockt er sich, ungeachtet der beträchtliehen Steigung des Weges und trotz der Anstrengung der armen Schimmel die schwere Last bergan zu ziehen, auf den Wagen und treibt das ermüdete Gespann mit Peitschenhieben vorwärts. Mit heiserer, grässlicher Stimme schreit er in die dunkle Nacht hinein:

»Han' Wasser geschüttet in den Win,

Muss immer und ewig verloren sin!« -

Nach diesem Klageruf, den er drei Male wiederholt, verschwinden Fuhr­mann, Gespann und Wagen. -

Dieser spuckende Fuhrmann habe bei Lebzeiten oft die zum Transporte ihm anvertrauten Weinladungen verfälscht, indem er aus jedem Fass ein gewisses Mass des edeln Nasses abzapfte und Wasser nachgoss, bis die Fässer wieder voll waren. -

Nach Andern war es ein Wirth in Malans, der den Wein zu stark taufte.

Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014

 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.