Der Unsegen in der Butter
In einer Alpe in Schanvigg kam einst ein Bettelmännchen, in zerlumpte Kleider gehüllt, zu einem Weibe, das eben am Buttersieden war. Das Männlein fragte in bescheidenem, flehendem Tone, ob die Butter im »Auf- oder im Ab-Gehen« sei. - Sei sie im »Auf- oder Abgehen«, antwortete das Weib trotzig, »Du bekommst doch nichts davon«.
»Nun so soll sie für immer im »Abgehen« sein, sprach bedeutungsvoll das Männlein, welches plötzlich eine viel hehrere Gestalt annahm, und sehr prächtig gekleidet zu sein schien.«
Seither ist die Butter beim Sieden für den Hausgebrauch von dem Augenblicke an, wo der Schaum am Verschwinden ist, bis zum Punkte, wo sie genug gesotten hat, immerwährend im »Ab-Gehen« (Weniger-Werden). Des Menschen Herzenshärte, die dem Dürftigen nichts mittheilen wollte, brachte solchen Unsegen in die köstliche Gottesgabe, die Butter.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.