Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die geisterhaften Sennen

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

In den Closterser-Alpen gehen immer noch Sennen um, die, wegen ihrer Vergehen bei Lebzeiten, keine Ruhe finden können; sie zeigen sich vor­nehmlich beim Wetter-Wechsel. -

So hat die »Mönch-Alpe« ihren Namen von einem Geiste, der in Mönchsgestalt dort umgeht. Der war auch Senne, welcher aber durch Be­trügerei, die er verübt, um die Seligkeit gekommen ist. -

In der »Stutz-Alpe« regiert das »Stutz-Mannli«, der Geist eines graubär­tigen Hirten, der als ungerechter Hüter das ihm anvertraute Salz nicht gleichmässig unter alle Kühe verteilte. Zeitweise jauchzt und jodelt er; oft aber vernimmt man auch sein Geheul und Gejammer. - Bei Nebel- oder Regenwetter bekommt man ihn zuweilen, doch immer ungeahnt, zu sehen. -

Will man es aber darauf anlegen, auf unberufene Art und Weise den Geist zu schauen, wird man nichts Anderes, als eine dichte, milchweisse Nebel­wolke zu Gesichte bekommen; dafür trägt man ein furchtbar geschwollenes Gesicht davon, mit vielen Blattern. -

In den »Kuh-Alpen« hauset, wenn das Vieh im Herbste längst schon talwärts gezogen ist, der »Geister-Senne«. Der hat bei Lebzeiten im »Molchen« (Alp-Erzeugnisse) Untreue geübt, und kann nach dem Tode nun und nimmer so vielen Ersatz »zusammenkäsen« aus den Milchtropfen, die Sommers über verschüttet wurden, oder verloren gingen, - als er ver­untreut hat.

Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.