Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Nebelgespenst

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Im Morgenrot, wie bist Du schön,

Du freie Alp, ihr grünen Höh'n!

 

Des Hirten Herz ist froh erwacht,

Die Lieb' zur Herd' ihn glücklich macht.

 

Er streichelt still das treue Tier,

Sein Auge lacht: »Wie wohl ist mir!« -

 

Da seufzt es tief in seiner Näh', -

Ein grau Gesicht blickt von der Höh'.

 

Ein grau Gesicht, uralt und schwer,

Im Nebelkleid, - das starrt daher.

 

Und von ihm geht der Nebel aus,

Bald liegt die Alp in Nebelgraus.

 

Und das Gespenst seufzt: » Weh! O Weh!

Mich schmerzt das Glück, das hier ich seh'!

 

Dich liebt die Herd', Du treuer Hirt,

Weil ihr von Dir nur Gutes wird.

 

Mit Meiner war ich bös und rauh,

D'rum geist' ich jetzt im Nebelgrau –

 

Muss geisten, bis ein freundlich Tier

Die Hand mir leckt, im Nebel hier.« -

 

Er streck't die Hand nach Kalb und Kuh, -

Die flieh'n entsetzt dem Hirten zu.

 

»O Weh, o weh, der Bann währt lang!«

Seufzt das Gespenst, - verschwindet bang.

 

Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.