Die Meistersfrau als Hexe
Ein Knabe von Bonaduz, aus dem Schwabenlande zurückgekehrt, sagte u.A. zu seinen Eltern, er könne auf einem Faden tanzen. - Alles lachte ihn aus. Er aber verlangte einen langen Faden und zwei Nägel, spannte den Faden von einer Wand zur andern, stieg dann auf einen Stuhl, und von Diesem auf den Faden, und tanzte auf Demselben hin und her, dass es eine Freude war, zuzusehen.
Hierauf wurde er gefragt, wer diese Kunst ihn gelehrt habe. »Meine Meistersfrau in Reutlingen,« antwortete er. Auf dieses Bekenntnis hin berieten sich die Eltern, denen der behexte Bube angehörte, mit einem Geistlichen, damit der Junge von dem Einflusse der bösen Mächte befreiet würde. Aber zum Zwecke des Gelingens musste die Meistersfrau von Reutlingen persönlich nach Bonaduz kommen. Sie kam wirklich, und nachdem der Knabe wieder »in der Ordnung« war, verbot der Geistliche ihr, nie wieder einen Bonaduzer das Hexenwerk zu lehren.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.