Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Schlangenhexe

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

In Rossa (Calancatal∑/∑Graubünden), so erzählte man sich früher, lebten zwei Freundinnen. Die eine machte Bekanntschaft mit einem Burschen. Die andere wurde deswegen eifersüchtig, doch sie liess sich nichts anmerken, sie war sogar sehr freundlich zu ihrer Freundin. Eines Tages stieg jene, die Bekanntschaft mit dem Burschen gemacht hatte, auf die Felsen, um Wildheu zu holen. Beim Pont dell’Agnell oberhalb von Rossa sah sie beim Hinuntersteigen eine dicke Schlange mit einem roten Kamm auf dem Kopf. Das Mädchen befand sich an einer sehr gefährlichen, abschüssigen Stelle. Sie konnnte die Schlange nicht mit einem Stock schlagen oder töten, konnte sich nicht halten. Sie konnte nichts anderes machen, als die Schlange mit der Sichel hinunterstossen. Als sie nach Hause kam, da war die Freundin verletzt. «Was hast du?»

«Du hast mich verletzt», antwortete die andere.

«Ich? Ich habe dir doch nichts getan!»

«Doch gestern hast du mir einen Stoss gegeben, sodass ich den Abhang hinuntergestürzt bin!»

Ob dieser Antwort erstarrte die Freundin. Und es fiel ihr ein, dass sie die Schlange den Berg hinuntergeworfen hatte.

 

Aus: U. Brunold-Bigler, Wolfsmensch und Bärenhexe, Tiere in Sagen und Märchen der Alpen, Chur 2010, S. 228

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.