Der Landvogt im Güllenfass
Ein Bauersmann begegnete einst um die Mitternachtsstunde in der Nähe der Heiligkreuzkapelle einem grossen Wagen, der mit einem Güllenfasse beladen war und den mehrere düstere Männer mit äusserster Anstrengung zu ziehen sich bemühten. Als sie den Bauer bemerkten, baten sie ihn dringend, den Wagen eine Strecke weit ziehen zu helfen, und er entsprach ihrem Begehren. Nachher befragten sie ihn um ihre Schuldigkeit für seine Dienstleistung und munterten ihn dazu auf, recht viel zu verlangen. Als er dann aber durchaus nichts forderte, rief eine klägliche Stimme aus dem Güllenfasse heraus: "O, hättest du doch grossen Lohn gefordert! O weh mir! Meine Sündenschuld, die ich einst als Landvogt des Sarganserlandes auf mich geladen habe, brachte mich um die Grabesruhe; alle hundert Jahre muss ich einmal eine so schmähliche Fahrt machen, bis die geforderten Löhne derjenigen, die meinen alten Spiessgesellen diesen Wagen ziehen helfen, den durch mich von den Untertanen ungerecht erpressten Steuern und Abgaben gleich kommen; wenn es mir aber noch mehr so übel geht wie diesmal, so muss ich die Qualen der Verdammnis tragen bis zum jüngsten Tage."
Hierauf hörte der Bauer nur noch ein tiefes Stöhnen, und alles war verschwunden.
I. Natsch
Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903, Nr. 270, S. 145f
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.