Die weissen Gemsen
Ein Quintner Gemsjäger sah auf den Freibergen der Kurfirsten sechs schneeweisse Gemsen mit hochroten Füssen.
Obwohl er wissen konnte, dass nach einer alten Überlieferung das Töten solcher Gemsen Unglück bringe und auch ohnehin das Erlegen von Gemsen auf den Freibergen gesetzlich verboten sei, übernahm ihn die Begierde, eine zu schiessen.
Als er dann aber in geeigneter Distanz auf einen prächtigen Bock anlegte und schoss, flog sein Stutzer in vielen Stücken auseinander und verstümmelte ihm die eine Hand auf grausige Weise.
J. Natsch
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Die Sage, daß weisse Gemsen nicht geschossen werden können, ist vielverbreitet; es sind nicht Tiere, sondern unschuldig verzauberte Menschen.
Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903, Nr. 368, S. 206f
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.