Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Hexen fürchten alles Geweihte und Heilige

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

1. Zu Pfarrer Bissig († 1911) in Seedorf sei einst eine Weibsperson gekommen und habe Topfblumen feil geboten. Dem Pfarrer gefrelen die schönen, seltenen Blumen, und er wollte ihr ein Stück abkaufen. Wie oft er aber die Hand nach der Pflanze ausstreckte, so oft wich das Weib immer wieder zurück; es war einfach nicht imstande, sie ihm einzuhändigen. Da sagte der Käufer zu seiner Haushälterin: »So nehmt ihr sie ab!« Sie langte nach dem Topf mit den Worten: »Eja, im Namä Jesus cha-n-ä ja abnä'.« Indem sie aber den heiligen Namen aussprach, prallte die Verkäuferin wieder zurück. »So stellt den Blumenstock auf die Mauer!« schnerzte jetzt der Pfarrer. Sie tat es, und da konnte er die gekaufte Pflanze zu sich nehmen. Das Geld mussten sie der Hexe ebenfalls auf die Mauer legen, denn aus der geweihten Hand des Priesters es entgegenzunehmen, das war ihr einfach nicht möglich.

»Jää, vorem G'wichnä-n- und vor heiligä Nämä und vor güetä Gidankä hennt-s'Respäk, d'Pfaffächällärä.«

Fr. Karolina Tresch-Gisler, 80 J. alt

2. »In den Alpen Trogen und Lammerbach,« so erinnert sich ein 75jähriger Augenzeuge, »vagierte vor bald 60 Jahren auch so ein verdächtiges Bettelweib herum. Ich gab ihm ein schönes Almosen. Da sagte der Joder nachher zu mir: ›Hättisch g'seit, so nimm's i Gottsnamä, sä wärisch de scho drüffchu, was es g'sy wär‹. Am folgenden Tage wanderte es weiter gegen Brunni und Sittlisalp, und wenige Tage später entlud sich über alle diese Alpen ein schytzliches Hagelwetter.«

Fr. Johanna Brücker-Arnold, Unterschächen

Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.