Der rätselhafte Gämsbock
Von Zeit zu Zeit liess sich im Etzlital ein prächtiger, schwerer Gemsbock sehen. Schon mancher Jäger hatte ihm nachgestellt, aber noch jedem war er entgangen. Da machten sich's wieder zwei Bristner zur Aufgabe, ihn zu erlegen. Auf einer Tanne waren sie auf der Lauer. Er kam, kam bis nahe an die Tanne. Der eine Jäger legte an und zielte. Aber, wie er über das Gewehr hinaus schaute, war die Gemse verschwunden, und an ihrer Stelle lag etwas, das aussah wie ein weisses Chorhemd. Da legte er die Büchse weg, und es kam die Gemse wieder zum Vorschein. So ging es ihm zum zweiten Mal, und er sagte zum Kamerad: »Schiess du!« Aber der machte die gleiche Erfahrung; sobald er zielte, war das Tier verschwunden und lag das rätselhafte Chorhemd da. Jetzt ergriff aber der erstere wieder die Büchse und schoss herzhaft auf das Chorhemd, und beide stiegen vom Baume herab und suchten. Aber sie fanden nichts. Nur auf den Waldblacken sahen sie Blutstropfen. Der Gemsbock wurde nie mehr gesehen.
Jos. Maria Epp, Wächter der Etzlital-Klubhütte
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.