Wo man sündigt, muss man büssen
Vor alten Zeiten, so habe ich oft erzählen hören, geschah es einmal, dass einem Schächentaler, der zur Nachtzeit von Altdorf durch das Hellgässli hinauf heimwärts wanderte, aus einem Seitengässli ein älterer Mann in die Quere gelaufen kam. »Guten Abend!«, sagte fröhlich der Schächentaler, der etwas angestochen war. Doch der andere erhob stumm drohend den Zeigefinger, und in diesem Augenblicke fuhr ein kalter Schauer dem Schächentaler in die Glieder, und mit Schrecken gewahrte er, dass der Angeredete keinen Kopf hatte. Schnell fügte er deshalb seinem Grusse die Worte hinzu: »Das erste und letzte Wort will ich mir vorbehalten haben.« »Das ist besser«, erwiderte der andere, »sonst hätte ich dich zutode reden können. Wisse! noch diese Nacht muss ich eine G'hirmiplatte zu Vorfrutt (am Klausenpass) erreichen; dort habe ich gesündigt.«
Frau Kempf-Bissig v. Unterschächen
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.