Der Hausgeist im Ruolisberg
Im alten Haus in Jochi-Peters Ruolisberg zu Spiringen hat sich früher in der Stüblikammer eine arme Seele aufgehalten; eine schöne Jungfrau stand auf einem Stuhl vor dem Tisch, den Spiegel in der einen Hand, den Kamm in der andern, und beschaute sich im Spiegel und kämmte dabei ihre Haare. Sie verhielt sich ruhig und tat niemand etwas zu Leid, doch wagten die Leute nicht, dieses Zimmer zu betreten. Wenn die Hausbewohner mit ihrem Vieh im Winter auszogen nach Teldig (Telgingen 1290), schaute das arme Mädchen traurig den Abziehenden durchs Fenster hinaus nach und weinte, kamen sie im Frühling zurück, lächelte es ihnen freudig entgegen. Ein Kapuziner hätte den Geist bannen sollen; da er aber bemerkte, dass es nur unter ganz ausserordentlicher Mühe gelingen würde, gab er den Leuten den Rat, der armen Seele auch fürderhin im Hause ein Plätzchen zu gönnen. Wie es scheint, hat sie doch Erlösung gefunden; denn schon viele Jahre ist sie nicht mehr gesehen worden.
Mitgeteilt v. Pfarrer Jos. Arnold
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.