Arme Seelen auf den Gletschern
Marianna Schmid in Hospental, 75 Jahre alt, betet jeden Abend für die verstorbenen Seelen ihrer Eltern, Verwandten, Wohltäter, und zuletzt noch »fir alli armä Seelä, wo uff allä Firä-n- und Gletschä lydä mient fir ä boldigi Erleesig und dz Fäck z'vermiltä«, und erzählt folgendes fir ä gwissi Wahrheit:
Wir hatten einmal Mission in Hospental, und einer der Missionäre war ein Walliser, namens Blatter. Dieser ging nach der Mission ins Wallis hinüber, mein Vater und Johann und Eduard Bennet begleiteten ihn über die Furka. Stets ging er in ihrer Mitte. Als sie aber eine Strecke weit neben dem Rhonegletscher marschiert waren, bemerkten sie plötzlich, dass Blatter unversehens zurückgeblieben war. Sie suchten und fanden ihn am Rande des Gletschers; er machte mehrmals das Kreuzzeichen über letztern und seufzte dann, dass sie es hörten: »O dü armä Gletsch! O iehr armä Seelä!« Er hatte da die armen Seelen auf dem Gletscherfelde geschaut. Für diese beteten nun die drei Wanderer kniend Fünfe und setzten, nachdem Blatter noch einmal das Kreuzzeichen über den Gletscher gemacht, ihre Reise fort.
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.