Die schamroten Seelen
Unter diesen versteht man im Schächental die Seelen jener Verstorbenen, die durch das Henkerbeil gefallen, die Seelen der Hingerichteten, der schweren Verbrecher, die aber vor ihrem Tode die Sünden beichten und bereuen konnten und deshalb nicht ewig verloren gegangen sind. Als einst eine Familie in Unterschächen nach dem Abendrosenkranz und dem üblichen Gebet für die Verstorbenen zuletzt noch ein Vater Unser für die schamroten Seelen hinzufügte, spottete dessen ein Gast, der bei ihnen übernachtete. Nachts hörten sie ihn in der Schlafkammer jammern, lärmen, herumturnieren, und am Morgen fragten sie, was er denn gehabt habe. Eine ganze Schar Leute, sagte er, sei in die Kammer gekommen und habe ihn beständig gequält und mit allen möglichen Mordinstrumenten bedroht. Das war die Rache der verspotteten schamroten Seelen.
Man nennt sie schamrot, weil sie sich schämen, sich den Menschen, besonders den Hinterlassenen, zu zeigen.
Karl Gisler
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.