Das Sträggeli und der Dürst
Es war einmal ein schönes Burgfräulein, das vor allen andern Speisen für sein Leben gern Wildbret ass. Als nun einmal ihr Geburtstag gerade auf einen Freitag in der Fastenzeit fiel, äusserte sie in Gegenwart ihrer Ritter und Knappen, sie möchte gern von einem frisch erlegten Wildschwein speisen. Darüber waren die Anwesenden sehr bestürzt, und keiner erwiderte ein Wort auf ihren «Wunsch. Nur ein einziger Ritter, der ihr Buhle war, erklärte sich sofort zur Jagd bereit, wenn sie ihn dabei begleiten wolle. Damit war das Fräulein einverstanden, und beide verliessen auf ihren Pferden, von vielen Hunden begleitet, die Burg, um auf die Jagd zu reiten. Aber weder die tollkühnen Jäger, noch Rosse und Hunde sah man jemals wieder. Sie büssen ihren frevelhaften Leichtsinn und Übermut damit, dass sie verdammt sind, jeden Freitag in der heiligen Zeit um die Mitternachtsstunde mit ihren Pferden und Hunden zu jagen. Wenn im Entlebuch und im Napfbergland das Wetter so recht tobt, und man in den Lüften Rosseschnauben und Hundegebell zu hören glaubt, dann sagen die Bauern : «Das Sträggeli und der Dürst kommen.»
Emmentaler Sagen, Hermann Wahlen, 1962 Gute Schriften Bern
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.