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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Mühleseiler

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Emmental
Kategorie: Sage

Zwischen tiefschattigen Hochwäldern liegt der kleine Flecken Mühleseilen auf dem Höhenzug zwischen Signau und Röthenbach. Dort hat er gehaust, der Mühleseiler, dessen Gewalt grosse und kleine Ungeheuer erlagen.

Die bösen Geister und Gespenster, die den Bauern in den Ställen, in der Küche, im Keller hinter den Weinfässern spukten, nahm er hinweg und verbannte sie in die eisige Wildnis des Rottals am Fusse der Jungfrau. Nachts pflegte er mit den ihm untertanen Geistern auf der Strasse zu spazieren. Gewöhnlich trug er den Hut dabei unter dem Arm. Wer ihm begegnete bei diesen nächtlichen Wanderungen, der vernahm deutlich die Worte :

«Seid so gut, und geht ein wenig auf die Seite, es kommen Herren! »

Dann hörten sie einen Lärm, als ob ein Reitertrupp über die Strasse sprengte. Bisweilen soll er auch gesehen worden sein, wie er mit seinen Herren eine steile Felswand entlang wandelte. Hin und wieder exerzierte er mit ihnen, und man vernahm dann über die Emmentaler Höhen hin ein eigentümliches Tosen und Donnern.

Noch heute, wenn in dunklen Gewitternächten die Blitze aufzucken und der Donner in der Ferne verrollt, sagen die alten Leute : «Der Mühleseiler exerziert mit den Rottalherren.»

Emmentaler Sagen, Hermann Wahlen, 1962 Gute Schriften Bern

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.