Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Am Gsangfescht

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Am Gsangfescht

I de siebezger Johre isch z’Madiswi es Bezirksgsangfescht gsi. Do isch en Inschrift gsi, u druffe het es gheisse:
Mit süessem Spiel bezwang vor Zeit
Orpheus den Leu und Stier.
Mit Eurem Sang bezwinget heut
Das Galgelölitier.

Das Galgenlölitier ist kein wirkliches Tier; tiergestaltige Tote fragen und antworten. Es wohnt allerdings in der Erde; aber die Seelen der Toten gehen auch in die Höhlen der Berge hinein und weilen in der Erde, und von der Erde aus erhebt das Galgenlölitier sich in die Luft; im Sturm braust es einher.

Was heisst aber Galgenlölitier? Mit „Löl", wie das Wort auch schon gedeutet wurde, hat es nichts zu tun. Lo = Wald; Löli = das Wäldchen, Galgenlölitier heisst das unheimliche, dämonische Wesen in Tiergestalt, das im Galgenlöli wohnt.

Die Verwandtschaft der Erzählungen vom Galgenlölitier mit den Sagen vom wilden Jäger kommt in andern Sagen deutlicher zum Ausdruck. Ein Hund, Gragöri mit Namen, kommt mit dem wilden Jäger und bleibt bei einem Bauernhause zurück; in den Zwölften des folgenden Jahres kehrt der Jäger wieder, und Jäger und Hund verschwinden.

M. Sooder, Sagen aus Rohrbach, Huttwil 1929

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.