Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Gebetbuch

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Eine hübsche Jungfrau, die Waise war und in ihrem Häuschen allein wohnte, wurde von solchen Hengertknaben umso öfter besucht, da sie für eine gute Partie galt. Dem Ruf des allein wohnenden Mädchens schadeten diese Besuche nicht, weil man seine Sittsamkeit kannte, und die Abendhengerte eben ein altes Herkommen waren. Aber besonders lästig wurden sie dem Mädchen wegen der Eifersucht der Jünglinge, die einander argwöhnisch bewachten. Eines Abends kamen sie zu zwei Parteien. Die erstern stellten sich etwas eingeschüchtert hinter den Ofen, die letztern stellten sich trotzig den Wänden entlang auf, die erstern mit Stichelreden plagend. Man sah, es war auf einen Entscheid abgesehen, der vielleicht blutig ausfallen sollte. Das schutzlose Mädchen wagte es nicht, mit einem von der Partei zu reden, aus Furcht, die andern nur noch eifersüchtiger zu machen. Es nahm sein Gebetbuch und las, als ob es allein wäre, mit klarer, schöner Stimme ein Gebet nach dem andern. Die Streitenden hielten sich stille und einer nach dem andern entfernte sich leise.

Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.